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Alles nur eine Frage der Perspektive

Es gab da mal diesen Werbespot eines Schuhproduzenten. Eine Frau erzählte von einem attraktiven Mann, dem sie vor Kurzem begegnet war. Dabei korrigierte sie immer wieder ihre Beschreibung seiner äußeren Erscheinung – er war sehr groß, nein, etwas kleiner, hatte helle, nein, dunkle Haare, einen Bart, nein, keinen usw. Aber seine Schuhe, die hatte sie in bester Erinnerung. Es waren ****-Schuhe. Ganz sicher ...

So oder so ähnlich. Ich kann mir diesen Werbespot nicht mehr hundertprozentig ins Gedächtnis rufen. Lief er im Radio oder im Fernsehen? Ich fand ihn jedenfalls genial und witzig. Und habe mir ein Paar ****-Schuhe gekauft.

Dieses kleine Beispiel zeigt, wie selektiv und verzerrt Wahrnehmung sein kann (und wie wir uns – durch andere Wahrnehmungen – beeinflussen lassen). Wir nehmen nur wahr, was wir sehen oder sinnlich erfahren wollen. Und können. Je länger etwas in der Vergangenheit zurückliegt, desto mehr dichten wir hinzu.

Aber auch in der Gegenwart haben wir unsere spezielle Brille auf. Filtern Aspekte der Wirklichkeit, beurteilen, glauben, meinen, denken, stellen falsche Zusammenhänge her, geben uns Illusionen hin, machen uns die Welt schön oder zeichnen sie in düsteren Farben. Der Tunnelblick fokussiert – und blendet aus. So kommt es allgemein zu einem Gemenge an Sichtweisen, Überzeugungen und Interessen. Das fängt im Kleinen an, beim Streit mit dem Nachbarn, setzt sich in der Politik fort, da jede Partei die einzig richtige Sicht auf aktuelle Probleme für sich beansprucht, und macht auch nicht bei Diskussionen über Sinn und Zweck der gesamten Existenz halt.

Nun, die Welt wird immer komplexer. Und mit ihr die Ausdeutung von Wahrheit. Das führt nicht selten zu Verdruss und zugespitzten Ansichten wie: „Jeder hat doch lediglich seinen eigenen Vorteil im Sinn und lügt, dass sich die Balken biegen. Ist doch so!“ Wem soll man noch glauben, außer sich selbst?

Die Mathematik des Biertrinkers

Eins steht fest: 1 + 1 = 2. Oder? Doch hilft die Mathematik im Alltag weiter? Wenn die Partnerin (fälschlicherweise) behauptet, man habe mindestens sechs Bier getrunken (dabei waren es höchstens sechs!) und wolle sich nur rausreden. Man hingegen verstimmt ist (und Bier trinkt), weil sie (offenkundig) ein Auge auf einen anderen (einfach nur widerlichen) Typen geworfen hat. Was sie (natürlich) vehement dementiert.

Sogar die auf Wahrheitsfindung spezialisierte Forschung enzieht uns immer mehr den Boden – Zeit und Raum sind krumm, Gott nicht existent, weil nicht zu finden. Freier Wille? Dreimal darf gelacht werden. Liebe? Alles Chemie, Biologie, Neurologie und wer weiß was noch. Man kriegt eine Allergie! Auf der Quantenebene kapituliert die Wissenschaft vollends. Dort geschehen Dinge, die es nicht geben dürfte. Das Chaos pur! Sieh hin – und schon verändert sich das Ergebnis. Immerhin ein Hinweis darauf, dass das Beobachtete und der Beobachter in einem gewissen Zusammenhang stehen. Daraus den Schluss zu ziehen, wir könnten uns die Realität nach unserem Geschmack zusammenbasteln, ist trügerisch. Mit dem freien Parkplatz mag das (zufällig) klappen. Aber versuchen Sie mal, einen Goldbarren aus dem Nichts vor Ihnen auf dem Tisch zu manifestieren. Bereits mit einer 10-Cent-Münze werden Sie scheitern.

Kosmische Adresse und Relativität

Kommen wir von wenig belastbaren esoterischen Ansichten zu fundierten spirituellen Weisheitslehren, die das Ego und das „Scheinkonzept“ der Dualität als das eigentliche Problem identifizieren. Nur Erleuchtung führt zur Wahrheit. Und drückt sich im tatsächlichen Leben als das „nichthandelnde Handeln des reinen Bezeugens“ (Ramesh S. Balsekar) aus. Wer in der Meditation in kausale oder nonduale Zustände eintaucht, ist von einem „Gefühl“ des Einsseins und der Gewissheit erfüllt, kostet den unbeschreiblichen Geschmack von Wahrheit, die Suche (nach ihr/nach Gott/nach sich selbst ...) ist vorbei.

Doch ist dies nun die absolute Wahrheit? Ist die Wahrnehmung eines Erleuchteten deshalb immer richtig und vollständig?

Ken Wilber hat derzeit dazu eine der schlüssigsten Antworten parat. Sein Integraler Ansatz soll uns darin unterstützen, uns und die uns umgebende Welt effizienter zu begreifen. Der Integrale Ansatz fast umfassend und einschließlich östliche Weisheitslehren, westliche Psychologie, Philosophie, Wissenschaft, Spiritualität, Religion und viele weitere Disziplinen, die sich mit unseren Sein beschäftigen, zu einer Integralen Landkarte zusammen, die in der Integralen Lebenspraxis konkrete Umsetzung findet – und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Wie sieht die Integrale Landkarte aus? Was sagt sie uns in Bezug auf Wahrnehmung und Wahrheit?

Sie besteht aus fünf Komponenten: Quadranten (das Innere und das Äußere des Individuums und des Kollektiven), Linien (der Entwicklung), Ebenen/Stufen (der Entwicklung), Typen (z.B. männlich/weiblich), Zustände (z.B. des Bewusstseins).

Stellen wir uns die Integrale Landkarte mit ihren fünf Komponenten spaßeshalber und um der Vereinfachung willen als ein dreidimensionales Modell mit vier unterschiedlichen „Landschaften“ vor, nehmen wir ein Menschlein (z.B. einen Mann, der seine Emotionen schlecht kontrollieren kann), das sich gerade im Zustand des Grolls befindet, und stellen es an einen beliebigen Punkt, ein anderes Menschlein (z.B. eine spirituell weit entwickelte Frau), das gerade meditiert, an einen anderen Punkt, der höher gelegen ist und sich in einer der anderen Landschaften befindet. Wie würden beide die Welt um sich herum beschreiben? Wir können uns leicht vorstellen, dass die Schilderungen sehr unterschiedlich ausfielen (bereits wenn beide Menschlein sich auf der gleichen Party befinden, kann es konträre Einschätzungen einer Situation geben, Bier hin, Bier her).

Den eben beschriebenen Punkt auf der Integralen Landkarte bezeichnet Wilber als kosmische Adresse. Und erklärt dazu: “Also müssen wir, um die Existenz von nur auch irgendetwas im Universum lokalisieren zu können, sowohl die kosmische Adresse des Wahrnehmenden als auch die des Wahrgenommenen angeben.“ Und weil Integrale Landkarte und kosmische Adresse nicht statisch sind – wir erinnern uns: es geht auch und vor allem um Entwicklung – wird „alles absolut relativ zu allem“. Was bedeutet, „dass jedes Ding, bevor es irgendetwas anderes ist, eine Perspektive ist. Und das heißt, es gibt in der manifesten Welt keine Wahrnehmungen, sondern nur Perspektiven“.

Erleuchtete sind auch nur Menschen

Zurück zur Frage nach Wahrheit und der Wahrnehmung eines Erleuchteten. Da ein Erleuchteter auch ein Mensch ist (mancher denkt anders darüber), hat auch er eine kosmische Adresse. Befindet er sich im kausalen/nondualen Zustand, erfährt er die absolute Wahrheit des ewigen, zeitlosen Urgrunds. Bewegt er sich aber in der Welt, deutet und interpretiert er diese, hat er seine ganz eigene Perspektive, bzw. ist er eine (von vielen, sich ständig verändernden) Perspektiven. In der manifesten Existenz gibt es also (Erleuchtung hin, Erleuchtung her) nur relative Wahrheiten.

Doch ohne diese relative Wahrheit ist auch die absolute Wahrheit „nur“ die halbe Wahrheit (und der Begriff Erleuchtung bedarf einer neuen Definition). Berücksichtigen wir beides zusammen, kommen wir der „Beschaffenheit“ unseres (inneren und äußeren) Universums näher.

Was nun? Erstmal entspannen! Dann können wir unsere Zustandserfahrungen (z.B. durch Meditation) schulen und über eine integrale spirituelle Praxis lernen, in der Integralen Landkarte, die ohne unser Tun eine Theorie bleibt, zu navigieren und im Hier und Jetzt möglichst vielfältige Perspektiven einzunehmen (bzw. diese zu sein). Dabei können wir erfahren, dass Gott zeitlos und ewig ist und sich im evolvierenden Kosmos in all seiner manifesten Vielfalt durch uns und all unsere Sinne immer mehr selbst erkennt. So werden wir wohl der Wahrheit nie ganz auf die Schliche kommen. Aber wir werden (hoffentlich) mehr und mehr zu dem werden, was wir in Wahrheit sind: göttliche Wesen.

Verwirrt? Trinken Sie ein Bier (auf keinen Fall sechs!), lassen Sie los. Vielleicht sind wir ja völlig auf der falschen Spur, und irgendwann erzählt uns ein Typ namens Morpheus, die Welt, in der wir zu leben glauben, sei eine Simulation (Matrix) und bietet uns eine blaue und eine rote Pille an ...

tg