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Wann bin ich wirklich ich selbst?

Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind die Basis für Selbstverwirklichung – ein Streben, dass offensichtlich im Menschen angelegt ist, aber nicht zu allen Zeiten bewusst erkannt wurde und auch nicht im Fokus des Interesses lag ...

Die Definitionen von "Selbstverwirklichung" fallen unterschiedlich aus, bereits die Begriffe "Selbst" und "Ich" bieten jede Menge Diskussionsstoff. Einig sind sich die meisten darin, dass es eine "falsche" Ich-Identität gibt – das Ego. Und ein wahres Selbst – den göttlichen Urgrund, die ewige, zeitlose Quelle unseres wahren Seins. Dessen Existenz wir vergessen haben, das es also gilt, wieder wahrzunehmen, zu erkennen und dadurch zu verwirklichen. Mithilfe der Kontemplation "Wer bin ich?" kehren wir zu unserem wahren Selbst "zurück". Östliche Weisheitstraditionen betonen diesen "weglosen Weg" zur Selbstverwirklichung durch die Entlarvung des Egos, durch die tiefe Erkenntnis der Einheit. Dabei wird (fast immer) das manifestierte Leben in der Dualität als Illusion, als "irreführender Ersatz" bezeichnet.

Östliche Weisheit und westliche Bewusstseinsforschung

In westlicher Philosophie und Psychologie geht es um Transformation des Egos, um "Ich-Transzendenz", darum, begrenzende Strukturen und Sichtweisen, Verletzungen und Schatten der Persönlichkeit zu bearbeiten, um zu seelischer Gesundheit zu gelangen. Maslows Bedürfnispyramide ordnet Selbstverwirklichung ganz oben ein, als Wunsch, das eigene Potenzial auszuschöpfen. Hier wird ein Entwicklungsweg sichtbar, der (auch) eine aktive Beteiligung in Form von innerer Arbeit benötigt.

Wie passen nun östliche Weisheit und westliche Bewusstseinsforschung zusammen? "Reicht" die Zustandserfahrung des Einsseins oder müssen wir uns Selbstverwirklichung im "illusorischen" irdischen Alltag erarbeiten?

Ken Wilber hat mit seinem Integralen Ansatz diese beiden scheinbaren Widersprüche so einfach wie genial miteinander in Beziehung gesetzt. Das Wilber-Combs-Raster zeigt den Zusammenhang von vertikaler menschlicher Evolution und horizontalen Zuständen bzw. Zustandserfahrungen, deren oberstes, spirituelles Ziel das Eintauchen in nonduales "reines Sein" ist. Wilber weist auf die "fünfte Kraft" des Universums hin (Eros/Liebe/GEIST), beginnend mit dem Urknall, die einen selbstorganisierenden Antrieb hat und nach höherer Komplexität strebt. Und nun den Punkt erlangt hat, das GEIST (göttlicher Seinsgrund) sich selbst erkennt, in der Dualität, in der Form, in uns Menschen. Dies ist keine Illusion, sondern Ergebnis ernsthafter Forschungen (z.B. "Spiral Dynamics" von Clare Graves und Don Beck oder "Selbst-Entwicklung" von Susanne Cook-Greuter), die belegen, dass sich Bewusstsein stufenförmig weiterentwickelt. Vereinfacht betrachtet von Körper zu Geist (Verstand) zu Seele, von egozentrisch zu ethnozentrisch zu weltzentrisch. Zustände, die Einheitserfahrungen einschließen, können auf jeder der Entwicklungsstufen bzw. -ebenen auftreten.

Verweilen und lustvoll fortschreiten

Aus integraler Sicht erfolgt Selbstverwirklichung also durch das tiefe Erkennen unseres göttlichen Seinsgrunds und gleichermaßen dank manifester Erfahrung unserer Göttlichkeit, die wir als uns stetig entwickelnder Mensch zum Ausdruck bringen. Wir können Eros, diesen kreativen Impuls, der seit Beginn der Zeit in uns und durch uns wirkt, in gewissem Maß willentlich beeinflussen – dahingehend, dass wir Bewusstseinsarbeit praktizieren, unser Ego transzendieren und zu integralen Ebenen "aufsteigen". Gleichzeitig stärken wir unseren Seinsgrund, z.B. durch Kontemplation und Meditation. Wir kommen von einer Sichtweise des "Entweder-oder" zu einem (paradoxen) "Sowohl-als-auch".

Selbstverwirklichung erhält durch das Wissen um Entwicklungsstufen eine gleichgewichtige Komponente, die den "weglosen Weg" östlicher Weisheitstraditionen, das Verweilen im Hier und Jetzt, um das lustvolle Fortschreiten in allen Formen der sicht- und erfahrbaren Welt erweitert. Ein Fortschreiten, das transzendiert und integriert und immer mehr Liebe, Mitgefühl, Verbundenheit und Freiheit freisetzt. Integrale spirituelle Praxis führt das Selbst, dass sich in seiner absoluten Verbundenheit und relativen Einzigartigkeit erfährt, auch über sich selbst hinaus, aus der Perspektive der ersten Person (Ich) zur Perspektive der zweiten Person (Wir) und zur Perspektive der dritten Person (Es). Integrale Selbstverwirklichung schließt letzlich alle Lebewesen, die gesamte (manifeste) Welt mit ein, denn sie ist nicht selbstsüchtig, sondern erfüllt, so erfüllt, dass sie unweigerlich überfließt.

Weitere Infos: Integrale Beratung und integrales Coaching, Tel. 05033-391691.
 

tg