Zeitenwende / Themen / Selbstverwirklichung / Ich bin dann mal authentisch

Ich bin dann mal authentisch

Laut Duden sind Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit und Zuverlässigkeit Synonyme für "Authentizität". Man kann guten Gewissens behaupten, dass dieser Begriff positiv besetzt ist ...

Als authentisch gelten z.B. vom Gesetzgeber veröffentlichte Wortlaute einer Bestimmung oder für echt befundene Artefakte. Bestimmte "ursprünglich tonangebende" Kirchentonleitern werden als authentisch bezeichnet. Ebenso – von seinen Fans – ein Rockstar, der auf eindringliche Art und Weise von Dingen "erzählt", die er am eigenen Leib erfahren und erlebt haben muss. Am letzten Beispiel merken wir, dass an ihrer Authentizität gemessene Personen uns emotional stark berühren können, und dass unsere Einschätzung – unser eigenes Authentischsein eingeschlossen – subjektiv ist und nicht unbedingt zutreffend sein muss.

Lassen wir Gesetze, Artefakte und Kirchentonleitern außen vor, bleiben wir beim Menschen. Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm benennt wichtige Kriterien für Authentizität: "Wissen was die eigene Person ausmacht. Bewusst aus eigenen Quellen leben. An die seelischen Ressourcen kommen, keine Fassadenexistenz führen ..." Wir dürfen also nicht im "oberflächlichen Nachmachen" steckenbleiben. Erst ein langer, aufrichtiger Entwicklungsweg führt uns zu Selbsterkenntnis und Bewusstsein. Was uns wirklich authentisch macht, ist ein tief empfundener, er-füll-ter individueller Ausdruck unserer Einzigartigkeit.

Dreh- und Angelpunkt ist der Körper. Ihn wirklich zu fühlen, als lebendigen Seinsort, als innere Heimat, ist die Voraussetzung für authentische Bewegung im und durchs Leben. Das zu erfahren geht zuallererst in Ruhe. Wir müssen die aufgeregten, überlasteteten Sinne langsam hinunterfahren, erst einmal ankommen im Atem, im Hier und Jetzt. Wenn Bewegung aufhört und zur Ruhe kommt, erfahren wir das innere Strömen und Fließen. Wir lassen geschehen, spüren hinein und sind ganz einfach achtsam.

Unser Platz im Kosmos

Aus Ruhe und Beisichsein entsteht Bewegung "aus der Mitte heraus", Bewegung, die sich anders anfühlt und anders ausdrückt, als die von Unbewusstheit, Stress und Automatismen initiierte. Unser Handeln bekommt mehr Tiefe und Verantwortung, wird variabler, fließender, offener, intuitiver, bezieht in jeder Situation viele Perspektiven ein. Und entscheidet sich für die im Moment als "richtig" erachtete Sichtweise, mit den daraus entstehenden Konsequenzen.

Natürlich ist es wichtig, dass wir Geist und Seele mit ins Boot nehmen. Bei der Innenschau gehen wir der maßgeblichen Frage "Wer bin ich?" auf den Grund und kommen unseren Blockaden, Verletzungen, Schatten, Strukturen und vielfältigen, häufig unangenehmen Emotionen auf die Spur. Es gilt, alles mit der gleichen liebevollen Zuwendung wahrzunehmen wie das, was rund (in uns) läuft. Gerade diese empfindlichen Bereiche sollten sorgsam erforscht und behandelt werden. So werden sie Stück für Stück ein bewusster Teil von uns und erfahren Heilungsimpulse. Dazu brauchen wir zudem Unterstützung von außen, etwa das Feedback unserer Umwelt und professionelle Hilfe von Therapeuten und spirituell "Bewanderten".

Entschleunigung, Achtsamkeit und Selbstfürsorge sind gerade in unserer hektischen Zeit besonders wichtig. Nur, wenn wir in einem inneren, liebevollen Kontakt mit uns (und anderen) sind,  können wir in jedem Augenblick aus der Fülle unseres Potenzials schöpfen, so entstehen Stärke, Durchsetzungskraft und Hingabe an die Schönheit und das Geheimnis unserer Existenz. Dabei bedeutet authentisch sein ebenso, Schwächen akzeptieren. Fehler machen dürfen. Und diese mithilfe von Selbstreflexion und Feedback korrigieren.

Wir lernen unser wahres Selbst und unseren Platz im Kosmos besser kennen, werden zu einer "Einheit", die ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln als möglicht bewusst, intensiv, konsequent, sinnvoll – als stimmig und authentisch wahrnimmt. Nicht mal eben so. Nicht immer, aber immer öfter. Und voller Freude, Neugier, Liebe und Demut.

tg