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Poesie der Seele

Als Kind stellte ich mir die Seele vor, wie eine goldene, weiche Wärmflasche, die sich irgendwo in der Herzgegend befindet. Golden wegen der Unsterblichkeit und Wärmflasche, weil meine Großmutter jedes Mal, wenn sie von großer Freude überwältigt war, ausrief: "Da fliegt mir ja der Stöpsel aus der Seele!"

Bei Eintritt des Todes würde der Stöpsel, so dachte ich mir das, dann endgültig rausfliegen und der kostbare und auch sicher wohlriechende, goldene Inhalt in den Himmel entweichen.

Alle Zeitalter der Menschheit haben ihre eigenen Bilder und Erkenntnisse über die Seele. Es gibt also ein Phänomen. Und verschiedene Möglichkeiten, es zu beschreiben und verstehend zu durchdringen. Diesen Prozess durchläuft auch jeder einzelne Mensch – in seiner Reifung und Entwicklung verändern sich die Zugänge zum Phänomen Seele.

In meiner Jugend wurde mir klar, dass meine Seele noch weitere Eigenschaften hatte: sie konnte leiden – sich winden in Liebeskummer, sich vergeblich sehnen, sich aufschwingen und erzittern und gleich darauf in Finsternis versinken.

Als Erwachsene lernte ich, dass es möglich ist, etwas zu tun für ihr Heil. Das ließ mich nicht mehr los und seither bin ich damit beschäftigt, die Bewegungen und Qualitäten der menschlichen Seele zu erforschen.

In schamanischen Lehren wird, was ich sehr schlüssig finde, unterschieden zwischen Körper, Psyche, Bewusstsein und Spirit. Was in meiner Jugend litt, war die Psyche. Sie ist Teil des Körpers, sie kann therapiert werden. Das Bewusstsein ist fähig, diese Prozesse mit Achtsamkeit zu erforschen und zu kommunizieren. Der Spirit ist für mich am ehesten das, was ich mit Seele verbinde: er ist unendlich, umfasst Körper und Psyche und tanzt gern mit dem Bewusstsein.
Und was ist Seele jetzt gerade für mich – in diesem Augenblick, nach meinem meditativen Morgenspaziergang? Wohin hat mich die Erforschung der goldenen Wärmflasche gebracht? Also – ich sag es heute mal so:

Meine Seele ...

seit Äonen verliebt in die Elemente des Lebens,
kreiert sie Sterne, Blumen und mich.
Sie ist eine Anziehung – Schwerkraft, pure Liebe.
Meine Seele ereignet sich, Elementarteilchen
schlüpfen in das Sein und wieder zurück.
Sie nimmt rotgoldene Sonne vom Fluss auf,
verändert mich auf ewig mit glänzenden Wellen.
Meine Seele ist Körper, ist Raum in jeder Zelle.
Raum wie ein Dom, der Kern ein winziger Kelch.
Menschenseele aus Sternenstaub,
Zeugin der Schönheit – Verzauberung
und Staunen des Lebens über sich selbst.
Seelenleben entfaltet sich jetzt
in liebender Entspannung,
verlockt von Wind und Licht.
Kraftvoll verbunden mit allem, was ist.

Meine Großmutter hätte vielleicht gesagt: "Da ist mir beim Spazierengehen wieder der Stöpsel aus der Seele geflogen!"

Wie sagen Sie es?

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld