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Die Seele – ein wahres Mysterium

Die Seele – seit Jahrtausenden ist sie "Objekt" poetischer, philosophischer und religiöser Betrachtungen. Psychologen untersuchen die unbewussten Anteile der Seele. Dichter verklären die romantischen und die dunklen Geheimnisse der Seele. Schlagersänger orten die Seele unter Eis oder in der Sonne. Und wenn die Seele schmerzt, muss die Geliebte als Pflaster herhalten. Ja, es gibt sie, die Seele. Darüber sind sich alle einig. Fast alle ...

Vor allem Wissenschaftler sind kritisch, denn konkrete Beweise fehlen. Obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts ein amerikanischer Arzt das Gewicht der menschlichen Seele mit 21 Gramm bestimmt hat.

Wer mit Leib und Seele dabei ist – und hoffentlich auch mit dem Verstand –, der macht seine Sache mit Enthusiasmus. Wenn er/sie gut gespeist hat, steht dem Erfolg kaum noch etwas im Weg, denn Essen und Trinken halten bekanntlich Leib und Seele zusammen. Stimmt die gemeinsame "Chemie" von Anfang an, dann sind sich Seelenverwandte begegnet. Seelenklempner haben Hochkonjunktur. Vor einem Seelenverkäufer hingegen sollte man sich hüten, vor Seelenfängern erst recht. Der Begriff Seele ist ein Teil der Umgangssprache geworden. Wobei mehr ein verschwommenes, aber bestimmtes Gefühl von etwas "in mir drin" oder die Psyche mit all ihren geistigen und emotionalen Prozessen gemeint ist. Die Seele ist unsichtbar, sensibel, einzigartig, abgründig, sie kann inspirieren, verbinden, wandern, sie kann geheilt, gekränkt, (dem Teufel) verkauft und sogar gefangen werden. Selbst im modernen Fußball sind Erfolge mit seelenlosem Gekicke undenkbar: "Der Sechser ist die Seele des Spiels. Er befindet sich im Herz ..." (Matthias Sammer)

Doch ist die Seele im Herzen zu finden? Im Gehirn? Im Nervensystem? Oder in uns und um uns herum? Woraus besteht sie? Woher kommt sie und wohin geht sie? Oder ist sie nichts als reine Fantasie ...?

Versuch der Annäherung

Eine Substanz, die als Träger der Seele fungiert, ist wissenschaftlich nicht nachweisbar. Ihre Existenz wird demnach bestritten, bzw. wird "seelisches" Empfinden auf biochemische Reaktionen reduziert. Die Quantenphysik eröffnet zwar neue, überraschende Perspektiven, kann jedoch bislang keine fassbaren Ergebnisse liefern, die für das Vorhandensein der Seele sprechen.

Was bleibt ist die religiöse, philosophische, psychologische und spirituelle Annäherung. Die Ergründung eines Phänomens, das so spürbar, so glaubhaft wie unerklärlich erscheint.

Letztlich bleiben viele unterschiedliche Auffassungen und Fragen im Raum stehen. Existiert die Seele unabhängig vom Körper, als Energie, als Software oder ist sie untrennbar mit ihm verwoben? Ist sie sterblich oder wird sie wiedergeboren? Ist sie ganz einfach ein Synonym für Selbst, Ich, Identität, Persönlichkeit, Geist, Bewusstsein, Gemüt, ein Lebensprinzip? Haben Tiere, Pflanzen, Steine eine Seele?

Eine Frage der Perspektive ...

In altägyptischen Vorstellungen hatte die Seele (mit ihren drei Aspekten Ka, Ba und Ach) eine starke Verbindung zum Körper und war dessen Lebenskraft. Durch die Mumifizierung sollte der verstorbene Körper für die Wiederbeseelung im Jenseits erhalten bleiben.

Im Christentum wird auf die Dreiteilung von Körper, Geist und Seele hingewiesen. Die Seele, als Sitz des Verlangens und der Wünsche, wird auch mit Psyche oder Leben gleichgesetzt. Das umstrittene Konzept von Himmel und Hölle bedarf der Interpretation.

Die griechischen Philosophen waren sich nicht immer einig, auch was die Definition der Seele angeht. Für Platon ist sie immateriell, unabhängig und unsterblich und existiert bereits vor Entstehung des Körpers. Aristoteles beschreibt die Seele als immateriell und unbewegt, aber als Antrieb des Körpers, mit dem sie untrennbar verbunden ist. Tiere und Pflanzen verfügen über ein im Vergleich zum Menschen begrenztes Seelenvermögen. Die Stoiker siedeln die Seele im feinstofflichen (körperlichen) Bereich an. Sie durchdringt den Körper, verlässt ihn nach dem Tod und löst sich später auf.

In indischen, religiös-philosophischen Vorstellungen wird kein Unterschied zwischen den Seelen von Menschen, Tieren und Pflanzen gemacht. Der Kreislauf der Wiedergeburt (Samsara) endet mit der Erkenntnis der Untrennbarkeit von Brahman, dem ewigen Urgrund. Das Advaita vertritt hingegen einen strengen Monismus, der nur die Einheit als Realität anerkennt und dualistische Phänomene wie Körper und Seele einer illusionären Scheinwelt zuordnet.

Der Anthroposoph Rudolf Steiner unterschied zwischen Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewusstseinsseele.

Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse, entwickelte Behandlungsmethoden zur Untersuchung und Enträtselung der Seele und Behebung psychischer Störungen, wobei er Psyche mit (unbewusstem) Seelenleben gleichsetzte.

C.G. Jung sah die Seele als dem Unbewussten zugekehrte innere Persönlichkeit an, die Aspekte von Archetypen (universelle Urbilder) wie Anima (unbewusste weibliche Seite des Mannes) und Animus (unbewusste männliche Seite der Frau) einschließt. Er grenzte sie von der Psyche ab.

Der geniale Denker Ken Wilber bescheinigt der Seele, bezugnehmend auf das Thema Reinkarnation und "die Mehrheit der Lehren der ewigen Philosophie", zwei Charakteristiken: Sie ist Verwahrungsort der eigenen Tugenden (Karma) und beinhaltet Bewusstseinsstärke (Weisheit). Wilber definiert die Seele als raum- und zeitlos. Also ist sie "kein Objekt, und man kann sie in der Welt der Dinge weder sehen noch begreifen". In seiner integralen Theorie stuft er sie "über" Körper und Verstand/Geist und "unter" GEIST (Gott/Göttin, Urgrund) ein.

Bewusstseinsforscher Allan Combs erklärt, dass der von Sri Aurobindo erwähnte "erleuchtete Geist" manchmal mit der Seele gleichgesetzt wird, "weil er auf der einen Seite auf ganz einzigartige Weise individuell ist, und auf der anderen Seite dahin strebt, zu seinen leuchtenden Ursprüngen zurückzukehren". Oder, wie es der Psychotherapeut Sylvester Walch ausdrückt: "Erst dann, so die spirituellen Traditionen, ist man selbst verwirklicht, wenn das Selbst die Totalität des All-Einen, die göttliche Natur des Menschen widerspiegelt. Die individuelle Seele ist dann in der Einheit des Lebendigen aufgegangen".

Interpretation & Haarspalterei

Was will uns das sagen? Die Seele ist demnach – um noch einmal Wilber zu zitieren – größer, offener, weiter als Körper und Verstand/Geist, aber nicht identisch mit dem göttlichen Urgrund: "So wie der Körper die Materie transzendierte und der Geist den Körper, so transzendiert die Seele bei der Meditation den Geist, und dann transzendiert der GEIST die Seele".

Was können wir aus all dem schlussfolgern? Die Seele wird nach neuesten Erkenntnissen nicht als "Teil" von Körper und Geist eingestuft, sondern geht über sie hinaus, durchdringt und schließt sie ein und "befindet sich" an der Nahtstelle zwischen materieller, dualistischer Welt und dem göttlichen, ewigen Urgrund. Sie ist individuell und doch im unpersönlichen All-Einssein verankert, ursprünglicher göttlicher Funke als persönlicher, empfindungsfähiger Ausdruck.

An diesem kniffligen Punkt hilft keine weitere Haarspalterei, sondern nur die eigene Erforschung, Erfahrung und Bewusstwerdung. Und die "richtige" Interpretation ...

Die Kontroversen zum Thema Reinkarnation lassen sich wieder nur mit einer Frage zusammenfassen: Kennen Sie ein lebendes Beispiel?

Die Seele ist dem Vernehmen nach keine exklusiv menschliche "Errungenschaft". Dass Tiere eine Seele "besitzen", dem werden die meisten wohl zustimmen. Pflanzen? Nun ja ... Aber Steine? Ist Existenz überhaupt ohne Seele möglich? Wann und wo beginnt Leben?

Alles entstammt dem göttlichen Urgrund und ist mit ihm verbunden. Wurde folglich die Seele mit dem Urknall geboren, als Lebenselixier der Materie? Muss sich Bewusstsein zu Gott hin (zurück)entwickeln und entfalten, um sich seiner (angeborenen) Seele bewusst zu werden? Befindet sich dann ein Atom im seligen Tiefschlaf? Und ist das tugendhaft?

Genug gefragt. Ein beseelter Wein zur Entspannung. Fernseher an. Der Sechser ist die Seele des Spiels! Bei der Ziehung der Lottozahlen. Das leuchtet mir ein, und darüber sind sich endlich mal alle einig.

tg