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Die „Ich weiß nicht-Methode“ ...

... oder "Wie das Leben selbst die Medizin mixt ..." Ich habe früher immer die Therapeuten bewundert, die nach einer bestimmten Methode arbeiten. Habe ich selbst doch in 25 Jahren Therapiearbeit eine große und bunte Vielfalt an Techniken gesammelt – in Neugier und eigener Erfahrung und nach der Maxime C.G. Jungs: Wirklich ist, was wirkt. Ich frage mich gerade, was denn wohl meine methodische Basis ist ...?

Wirklich zuzuhören ist eine Kunst, die ich sehr liebe und mit großer Freude ausübe.

Wie sich das anfühlt? Okay, ich erforsche das mal – voilá – die transparente Therapeutin: Ich stimme mich auf den Menschen ein, werde offen und lasse mich im Raum der größeren Präsenz nieder – indem ich meine jahrelange Meditationspraxis anwende. Ich gebe mich an die Schwerkraft hin, spüre meinen Körper und akzeptiere mein ganzes eigenes System mit allem, was da gerade vor sich geht. Ein sanftes Strömen im Körper zeigt mir, dass die Akzeptanz beginnt zu wirken und mein Einatmen das Herz weit macht.

Und dann mache ich mich leer. Ich werde ein Resonanzraum und bin – präsent. Ein großes "Ich weiß nicht". Mit jeder Faser anwesend und ohne Konzept. Dieses "Ich weiß nicht" hört zu.

Dafür braucht es Mut und Disziplin – denn in meinem Verstand rumoren schon die Methoden; Ideen scharren mit den Hufen, Handlungsimpulse zerren an den synaptischen Halftern.

Aber ich leere sie aus und spanne meine Präsenz weit auf – wie einen Radar aus Empathie und Offenheit. Und diese Offenheit hört zu. Mein ganzes Wesen lauscht und gibt dem Menschen, der vor mir sitzt, Raum. Akzeptanz. Präsenz. Das ist starke Medizin. Danach sehnen wir Menschen uns – von Anbeginn – dass jemand voll und ganz da ist mit mir und für mich. Mir Raum gibt und offen ist. Nichts mit mir vorhat – kein Ziel, wohin ich soll, keine Technik, die mir helfen soll, keine Konzepte, in die ich passen muss, kein Urteil, keine Anspannung.

Und dann, erst dann, nach dem präsenten, leeren Nichtwissen – aus diesem Zustand der Rezeptivität und Hingabe, dann erst zeigt sich etwas aus dem methodischen Wissensschatz und ich bin selbst überrascht, was das sein wird. Oft ist es nicht das Pferd, das zu Beginn am heftigsten gewiehert hatte, sondern vielleicht ein scheues Methodentierchen, das ich noch nie zuvor gesehen habe! Weil es erst jetzt, für diesen Menschen in diesem Moment, auftaucht. Ein Fabelwesen, von dem ich bisher nicht wusste, dass es da ist. Eine Neukreation verschiedener Methoden, verschiedenen Wissens, die in genau diesem Moment emergiert. Einzigartig. Maßgeschneidert vom Leben selbst. Denn darum geht es bei jeglicher Praxis von Präsenz und Achtsamkeit – dass wir dem Leben nicht im Weg stehen. Dass wir üben, den großartigen Verstand mit seinem Wissensschatz einzubetten in das Größere. Das Leben. Es ist so unermesslich intelligent.

Und so kann ich auf die Frage nach meiner methodischen Basis vielleicht am ehesten antworten: Ich stehe dem Leben so wenig wie möglich im Weg. Und dann kann sehr viel passieren – das Leben findet erstaunliche Wege. Das ist die wirksamste Medizin. Ich bin sehr dankbar, dass ich ihr nach vielen Jahren Praxis nun immer tiefer vertrauen kann.

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld