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Sex ist kein Bedürfnis

Meiner Ansicht nach ist einer der größten Irrtümer unserer Zeit die Annahme, dass Sex ein Bedürfnis sei, und es ist ein Irrtum mit weitreichenden Folgen. Zunächst einmal ist es sinnvoll, klar zu verstehen, was ein Bedürfnis ist und was es unterscheidet von Wünschen und anderen Handlungsimpulsen ...

Ein Bedürfnis muss erfüllt oder befriedigt werden, ansonsten entsteht Leid. Unsere physischen Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf und Atemluft und unser psychisches Bedürfnis nach Liebe müssen zwingend erfüllt werden, damit wir uns gesund entwickeln und entfalten können.

Ein Wunsch oder ein Trieb, ganz gleich aus welcher Quelle unseres Inneren er stammt, darf unerfüllt bleiben, ja manchmal dient dies sogar auf wunderbare Weise unserer Entwicklung.

Da wir Menschen in unserer kindlichen Entwicklung alle mehr oder weniger und in den unterschiedlichsten Bereichen einen Mangel an Bedürfnisbefriedigung erfahren haben, war uns eine vollständige Entwicklung nicht möglich und wir leiden nun an inneren Defiziten.
Als Erwachsene sind wir bestrebt, diese Defizite auszugleichen, wir sind bestrebt nachzuholen was wir in unserer Kindheit versäumt haben.
Um den Mangel an Liebe auszugleichen, suchen wir nun die Nähe, die Aufmerksamkeit und die Zuwendung anderer Menschen. Wir suchen Intimität, um uns geliebt und geachtet zu fühlen, und verwechseln hier Intimität und Liebe mit Sexualität. Was wir für ein sexuelles Bedürfnis halten, ist in Wahrheit ein kindliches Bedürfnis nach Liebe und Aufmerksamkeit und ein schlichter sexueller Trieb.

Wirklich erwachsene Sexualität geschieht aus Liebe und Freude, sie ist eine reine Form von Sexualität, da sie nicht durchmischt und durchzogen ist von instinktiven Trieben und unerkannter, unbefriedigter Bedürftigkeit.

Wirklich erwachsene Sexualität ist deshalb nur und erst möglich, wenn wir unsere Triebhaftigkeit und unsere unerfüllte kindliche Bedürftigkeit selbst erkennen und als erwachsene, liebesfähige Menschen selbst erfüllen und befriedigen. Denn das genau macht uns zu erwachsenen Menschen und unterscheidet uns von Kindern. Ein Kind braucht zur Erfüllung seiner Liebes-Bedürftigkeit einen anderen Menschen, als Erwachsene aber sind wir in der Lage, uns selber zu lieben und das „Große Ganze“ als Liebesquelle zu entdecken.

Die irrige Annahme, Sex sei ein Bedürfnis, hält uns gefangen in immer gleichen Schleifen infantiler Co-Abhängigkeit.

Reine Sexualität ist reine Freude und einfach eine zauberhafte Art, einem anderen Menschen in Liebe innig zu begegnen.

Vandan Ulf Münkemüller, HP (Psych.), Bielefeld