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Märchen – Phantasie wider Realität?

Weihnachten werden im Fernsehen wieder Neuverfilmungen Grimmscher Volksmärchen gesendet. Die hohen Einschaltquoten der letzten Jahre – trotz des attraktiven Weihnachtsprogramms – zeigen die ungebrochene Begeisterung für das Märchen ...

Wer sich auch als Erwachsener die Filme angeschaut hat, wird feststellen, dass sie alle mit Feingefühl, Phantasie, Spielfreude und Liebe zum Detail gedreht wurden. Doch vor allem wurden die psychologischen Hintergründe der Märchen sehr gut herausgearbeitet, die auf die zeitlose Aktualität der Motive hinweisen: Ablösungsprozesse junger Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und die Bewältigung schwieriger, oftmals aussichtslos erscheinender Lebenssituationen.

Wie schaffen es Märchenhelden und -heldinnen vom bettelarmen, schlecht behandelten und verachteten Menschenwesen zu königlichen Ehren und Reichtum zu kommen?

In Anbetracht der aktuellen gesellschaftlichen Situation ist es durchaus interessant, das einmal anzuschauen. Das König-/Königinnentum ist eine Metapher für das innere Königreich, das ich einnehme als meine Gabe, mein Potential, als das Schöne, das Gute und das Wahre, das durch mich in die Welt kommt.

Schon auf den ersten Blick lehren die Märchen Liebe, Demut und Mitgefühl als ausschlaggebende Faktoren auf dem Weg zu diesem Königreich. Im Gegensatz dazu werden Habgier, Hochmut und Grausamkeit eindeutig abgemahnt. Die Strategien, um Probleme zu lösen, sind vielfältig. Aber eines steht immer am Anfang: Das Märchen beginnt mit etwas, das zu Ende gegangen ist – etwas ging verloren, etwas wird entbehrt – und der Entscheidung der Hauptperson, das Schicksal nicht einfach hinzunehmen, sondern selbst aktiv zu werden und loszugehen.

Bis ans Ende der Welt

Die Aufgaben, die auf dem Weg erscheinen, können oft nur mit Unterstützung von Helferwesen menschlicher, tierischer oder zauberhafter Natur bewältigt werden. Diese begegnen den Helden als hässliche, unscheinbare, bedürftige Wesen, die um etwas bitten, das mit Freundlichkeit und Mitgefühl gegeben wird. Diejenigen, die achtlos und hochmütig vorbeigehen, bezahlen dafür mit Entmachtung durch Verzaubertwerden, mit Erniedrigung oder sogar mit dem Tod. Wer nicht auf das Leid der anderen achtet, bringt sich um die Chance, seinen Weg erfolgreich abzuschließen. Denn in den verachteten Wesen liegt der Schlüssel zum Gelingen.

Märchen

Fleiß und Bescheidenheit sind zwei weitere Meilensteine auf dem Weg, die recht verstaubt und antiquiert klingen. Außerdem sind sie vor allem für Frauen mit der Unterdrückungsstrategie von Jahrhunderten behaftet, sich gefälligst fleißig und bescheiden im Hintergrund zu halten.

Aufs Heutige übersetzt, können Fleiß und Bescheidenheit bedeuten, konsequent, mit ganzem Einsatz ein Ziel zu verfolgen ("an etwas dranbleiben") und dabei ohne überzogene Ansprüche, maßvoll mit sich selbst und den vorhandenen Ressourcen umzugehen.

Oft werden aber auch fast übermenschliche Anstrengung und Geduld gefordert: In Eisenschuhen bis ans Ende der Welt zu gehen, schweigend Hemden aus Brennesseln herzustellen oder jahrelang blind durch die Wildnis zu irren. Es scheint in den Märchen immer wichtig zu sein, bis zum letzten alles zu geben, bis Erfüllung und Erlösung kommen können. Hingabe und Opferbereitschaft sind für das nötig, was man liebt, erstrebt, ersehnt. Da gibt es keine schnellen Lösungen, keine "Light"-Entwürfe. Die Zeit muss reif sein, da wird das menschliche Herz durch Entbehrungen und Verzicht zu Gold geschmiedet.

Und wenn der Weg bis zu Ende gegangen ist, erwarten die Heldin/den Helden dann noch die Konfrontation mit der Todesangst. Sie stellen sich Dämonen, Tod und Teufel entgegen, um für ihr Ziel zu kämpfen. Begleitet von ihren Helferwesen, entwickeln sie den Mut, mit aller Konsequenz für das einzustehen, was ihnen am Herzen liegt.

Das "Böse" zu vernichten hat nichts Moralisierendes an sich, sondern bedeutet, die Grenze den Wächtern in uns aufzuzeigen, die uns davon abhalten unser Potential von Liebe und Kreativität zu erfüllen.

Weibliche Sprache der Seele

Die Sprache der Märchen ist drastisch. Sie entstammt der weiblichen Sprache der Seele, die – ähnlich wie in Träumen – übertreibt, um auf etwas aufmerksam zu machen. Die Herzens- und Lebensschule der Märchen greift mit ihren Symbolen und Bildern nicht über den Verstand, sondern über die weiblichen Wege der Phantasie und des intuitiven Wissens, Wege, die durch die Überbetonung des Rationalen ziemlich zugewachsen sind, die sich aber auch jederzeit wieder lichten können.

Lieblingsmärchen der Kindheit, betrachtet mit einem erwachsenen, spirituell gebildeten Geist, können sich durchaus als wertvolle Helfer auf dem Lebensweg entpuppen und verborgene Themen zum Vorschein bringen, die noch der Erlösung bedürfen oder nicht ausgeschöpfte Potentiale erkennen lassen.

Märchen sind eben ursprünglich nicht als Kinderunterhaltung gedacht gewesen, sondern bringen damals wie heute Botschaften aus dem unerschöpflichen Reservoir menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten.

Märchenbücher

Wer jetzt richtig Lust bekommen hat, noch einmal nachzulesen ... dem seien die Märchenbände empfohlen, die im Knaur Verlag erschienen sind. In klassischer Ausgabe, gebunden, mit den wunderschönen Illustrationen von Ruth Koser-Michaëls liegen vor: Grimms, Hauffs, Andersens Märchen, Märchen der Welt und die Sammlung "Das große Märchenbuch".
 

Anna-Maria Lösche, Weiblichkeitspädagogin und Tanzpädagogin, Wunstorf