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Mit Gefühlen entspannen

"Ich bin voll im Stress." Meine Freundin stöhnt und lässt sich in den Sessel fallen. "Mein Nacken ist verspannt, ich hab Kopfweh. Dann ist da noch das blöde Beziehungsproblem – ich fühle mich voll ungeliebt und außerdem bin ich zu dick und sollte endlich eine Diät machen ..."

Bei einer Tasse Früchtetee sprechen wir über das Thema Entspannung. Wir stellen fest, dass Anspannung und Stress ein sehr machtvoller Teil des alltäglichen Lebens ist. Wo ist Anspannung? Im Körper fällt sie uns als Erstes auf – aber auch unser emotionaler Körper ist angespannt. Sobald ein Gefühl in uns auftaucht, kommen wir in Alarmstimmung. Wir fürchten, dass wir unsere Balance verlieren, wenn wir das Auftauchen zulassen. Unwillkürlich spannen wir uns an, und  der Verstand greift nach dem Gefühl – wir wollen es irgendwie verwalten. Und damit schaffen wir uns auch noch eine mentale Anspannung. All die Glaubenssätze, die dann auftauchen, die innere Kritik, das Vergleichen und Bewerten.

"Aber was soll ich denn mit dem Gefühl stattdessen tun? Es soll weggehen – oder ich will es transformieren!" Und bei ein paar Haferkeksen kommen wir darauf, dass in einigen spirituellen und therapeutischen Schulen gelehrt wird, Gefühle einfach zu erleben. Wahrzunehmen, wo genau im Körper sie gerade spürbar sind, zu erlauben, dass sie da sind, ihnen Raum zu geben. Kurz: sich mit ihnen zu entspannen. Und genau das praktizieren wir nun – und da wir beide erfahrene Körpertherapeutinnen sind, atmen wir sanft und tief, schließen die Augen und wenden uns spürend nach innen.

In ihrer Essenz sind alle Gefühle lebendige Energie. Sie wollen erlebt werden, und wenn wir das tun, dann gibt es auch einen Moment, wo sie uns aus der Balance bringen. Wenn ein Gefühl auftaucht, denken wir daher sofort, dass wir ein Problem haben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Gefühle bewirken eine notwendige Irritation, die uns dann in ein lebendigeres, frischeres Lebensgefühl bringt. Ohne aus der Balance zu kommen, gibt es kein Wachstum, keine Evolution.

Nach einer Weile tauchen wir wieder auf und räkeln uns. „Ich hab mich von dem Gefühl, so ungeliebt zu sein, wirklich berühren lassen. Traurigkeit tauchte auf und dann ein friedliche Stille.“ Sie wischt sich ein paar Tränen ab und lächelt. "Dabei fiel mir auf, dass sich mein Körper von innen her gut anfühlt. Entspannt und ruhig." Augenzwinkernd nimmt sie noch einen Keks. "Ich werde meinem Kopf eine Diät verordnen, statt meinem Körper! Weniger Gefühlsverwaltung und Kritik. Und das Vergleichen mit anderen wird ganz vom Speiseplan gestrichen!"

Spüren statt Verwalten ist eine Übungspraxis der körperorientierten Psychotherapie. Sie erfordert ein bisschen Mut und Neugier auf sich selbst. Es ist gut, mit therapeutischer Begleitung zu beginnen und diese Übung dann mehr und mehr Teil des Alltags werden zu lassen. So wird tiefe Entspannung und inneres Wachstum initiiert.

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld