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"Wenn Dich das Leid nicht zum Lieben zwingt ...

... wird’s eine Last, die um’s Leben Dich bringt." Das war der Spruch nach dem Krieg über unserer "Kochmaschine". So nannte man kohlebeheizte Herde, auf denen gekocht und in denen gebacken werden konnte ...

Sie hatten als Stolz der Hausfrau eine hochglänzende Platte, die jeden Morgen poliert wurde, und eben über diesem Herd hingen bei den meisten Leuten ihre Lebenslosungen oder ihr täglicher Trost.

Unser Spruch war für mich als Kind immer irgendwie grausam.

Den von meiner Tante "Immer wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her" fand ich sehr tröstlich – besonders bei Mathematik-Arbeiten ...

Erst viel später habe ich den Unterschied auch in unseren Familien erkannt. Die einen waren eben schon mit Trost recht zufrieden – die anderen wirkten mahnend, und vielleicht war es ein leiser Hilferuf desjenigen, der den Spruch ausgesucht hatte.

Leider starb meine Mutter sehr früh, sodass ich sie nicht mehr auf den Grund für gerade diesen Spruch ansprechen konnte, und bis vor einem Jahr war das kleine gerahmte Bild in irgendeinen Schrank verbannt. Aber der Text hat mich unbemerkt ein Leben lang begleitet.

In meinem Beruf sehe ich täglich, dass Mitleid (oder Mitleiden) keinem wirklich nutzt, sondern dass gerade das Leid des anderen der Liebe seines Gegenübers bedarf. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, wie sich dieses "Liebe" darstellt ... tja: Liebe – was ist das eigentlich?

Verbale Beteuerungen verpuffen zu Recht, wenn keine Taten folgen. Aber auch Taten sind sehr demonstrativ und Liebe ist etwas sehr Zartes, Sensibles – alles Laute und Wörtliche hat hier seine Glaubwürdigkeit verloren.

Liebe ist die ehrliche Aufmerksamkeit, die ich jemandem aus tiefem Herzen schenke.

Liebe ist die ehrliche Zuneigung, ein kleines Streicheln, ein langer Blick in die Augen des Gegenübers als ein kleiner Schritt zur Seele. Liebe ist die Sprache der Seele. Sie ist wortlos und doch mächtig. Sie berührt – auch ohne zu berühren. Sie zeigt dem anderen: ich verstehe dich, ich fühle mit dir, ich bin für dich da, in diesem Moment sind wir sehr verbunden miteinander.

Schenken Sie jedem, dem Sie näher begegnen, diese Zuneigung. Es sind die kleinen Augenblicke, die dieses Gefühl auf beiden Seiten so wertvoll machen. Jeder hat sehr viel Liebe in sich und Liebe gehört zu den Gefühlen, die sich verdoppeln, wenn man davon gibt.

Warten Sie nicht so lange, "bis das Leid Sie zum Lieben zwingt ..." Es ist ein Geschenk an uns Menschen, das wir in reichem Maße weitergeben sollten. So können wir die Welt täglich etwas liebevoller machen.

Kristina König, HP, Bielefeld