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Krise als Chance, das sagt sich so leicht

Aber stimmt das auch ...? Ich möchte mit etwas Persönlichem beginnen. Mit dem "Dreschboden des Lebens". Zu den größeren Lebenskrisen zählt die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung eines Kindes ...

Mit großer Dankbarkeit blicke ich auf die zahlreichen Wachstumsimpulse, die uns der Herzfehler unseres Sohnes in den letzten 20 Jahren beschert hat.

Wirklich. Wenn eine gute Fee käme und ich was wünschen könnte – ja, ich wünschte ihm immer und immer wieder ein gesundes Herz! Und doch weiß ich, dass ich nicht da wäre, wo ich jetzt bin, ohne diese Kriseninitiation: Immens gereift und oft in Liebe, geübt darin, das zu akzeptieren, was inakzeptabel ist, gewaschen von Mitgefühl, immer mal wieder getaucht in Präsenz und demütig vor dem, was größer ist, dem Leben selbst.

Das ist die Sonnenseite der Angelegenheit.

Krise als Chance stimmt also. Aber es ist nicht alles. Khalil Gibran spricht in einem Gedicht  über den "Dreschboden der Liebe". Ja – auch das gehört zur Krise: Wir werden gedroschen vom Leben selbst. Verkloppt. Und das tut weh. Es ist nicht fair. Wund, aufgeknackt, in Angst und mit blankliegenden Nerven, ohne eine Ahnung zu haben,wie es weitergehen soll.

Egal, was es ist – Krankheit oder Liebesleid, Verluste, Lebensumbrüche –, dies ist der gefährliche Moment, wo wir eine Chance brauchen, um zu wachsen. Das Leben in uns ist diese Chance! Krisen zu bewältigen ist der Urantrieb der Evolution. Etwas in uns möchte reifen und wachsen. Das ist unsere Natur. Das haben auch alle unsere Vorfahren irgendwie geschafft.

Das ist so, wohin wir auch schauen. Für das Samenkorn ist es eine Krise, wenn die Schale bricht. Jede Zellteilung, jede Geburt: Krise!
Krise ist, wenn wir erkennen, dass wir bei den Lebenstatsachen gerade nichts kontrollieren oder verändern können. Und dann ergreifen wir die einzige Chance – und verändern etwas in uns selbst. Wir wachsen. Wir reifen.

Es ist mir eine große Freude, dass ich Menschen dabei unterstützen kann. Meine eigene Erfahrung gibt mir dafür einen großen Resonanzraum.

Deswegen sind die "wounded healer" so hilfreich. Initiiert, aufgebrochen und gereift, wissend um die Dunkelheit und Tiefe, können wir ein wichtiges Ferment einstreuen. Was das ist? Ha! Das Ferment ist die Realität unserer Erfahrung, dass es funktioniert! Es stimmt! Krisen wandeln. Wir wachsen!

Was für ein Glück! Und so kostbar ist ein jeder, der mit einem Hauch dieser Realität anderen begegnet! Also – lassen wir uns dreschen und wandeln! Die Menschheit braucht dringend dieses Ferment!

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld