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Körperbewusstsein: Gibt es Bewusstsein ohne Körper?

Oft sehe ich in meiner Praxis Menschen mit hochgezogenen Schultern, verkrampften Händen, einwärts gekehrten Füßen. Oder der Mensch friert permanent, hat eiskalte Hände oder Füße und so weiter ...

Dann versucht dieser Mensch angestrengt und gewissenhaft, sein Problem zu schildern, denn er will ja Abhilfe von irgendeinem bedrückenden Zustand. Wenn ich dann nachfrage und z.B. auf die angespannten Schultern hinweise, kommen oft Antworten wie: „Ja, das habe ich schon immer.“ Oder: „So? Das merke ich gar nicht.“ Oder: „Naja, das macht mir immer mal wieder zu schaffen.“ Die Tendenz ist meistens, die Körpersymptome kleinzureden, abzuschütteln oder zu ignorieren, als seien sie etwas peinlich. Besonders dann, wenn sie im Grunde schon chronisch sind.

Eigentümlich in unserem Zeitalter des Körperkults. Wir neigen zu Extremen im Umgang mit dem eigenen Körper. Zum einen wird er mit Sport, Kosmetik, Wellness, „gesunder“ Ernährung und plastischer Chirurgie auf das Optimum getrimmt. Andererseits wird er unter allen möglichen ideologischen, oft religiös verbrämten Gesichtspunkten verpönt, als irgendwie niedrig eingestuft und nur mit möglichst billigen Nahrungsmitteln versorgt. Und kaum einer betrachtet ihn als das, was er ist: Unser Vehikel für das Leben. Wir „überwinden“ ihn noch früh genug, manchmal viel früher als uns lieb ist. Wenn wir sterben. Aber auch diese „Aussicht“ wird gern ausgeklammert.

In meiner Ausbildung zum Familienstellen kam viel Körperarbeit vor, denn mein Lehrer kam aus der Bioenergetik. Wenn ein Klient oder ein Stellvertreter in der Aufstellung eine auffällige Körperhaltung einnahm, sagte er gerne: „Stell dich mal selber so hin, nimm mal genau diese Haltung ein, dann merkst du, was es ist!“ Stimmt.

Die Aufstellungsarbeit ist ohne Körperwahrnehmung gar nicht vorstellbar. Der Körper gibt alle Hinweise, die des Klienten genauso wie die des Stellvertreters. Hier kriegt das berühmte Körpergedächtnis eine Bühne. Der Körper speichert alles, was dem Bewusstsein entgangen oder entzogen ist, und zwar ohne durch intellektuelles bzw. rationales Interpretieren die Dinge zu verfälschen.

Schon Oskar Adler, der große alte Astrologe, Arzt und Musiker wusste: Der Körper ist unser ganz persönliches fein gestimmtes Instrument, unsere „Uhr“, die anzeigt, ob wir, gemessen am jeweils eigenen Strickmuster, richtig ticken. In der Aufstellungsarbeit zeigt sich immer wieder: Auch wenn ich den Grund für meine Schmerzen, Ängste, Mobbingsituationen oder was immer mich drangsaliert, nicht kenne, heißt das nicht, dass es keinen gibt. Es gelingt nicht immer, das loszulassen, zu ignorieren oder wegzuschicken, was quält. Oft verbeißt es sich hartnäckig.

In aller Regel kommen diese Widrigkeiten aus dem Familiensystem. Wir sind schließlich nicht nur körperliche Erben unserer Ahnen. Wir erben auch, was sonst so herumgeistert.

Seit Bert Hellinger die Aufstellungsarbeit in den 70er Jahren begann, ist sie ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Teilweise sehr zu Recht, denn die „Ordnungen der Liebe“ sind unsinnig, wo ignoriert wird, dass in Familien Verachtung, Hass, Gleichgültigkeit und Verlogenheit (meist unter dem Tarnmäntelchen von Sorge, Moral oder Ideologie) herrschen. Man sollte die Ahnen nur ehren, wenn sie ehrbar sind. Sonst schadet man sich selbst, weil man möglicherweise ohne es zu wissen schlimme Dinge ehrt. Und dann geht man womöglich mit hochgezogenen Schultern durchs Leben und schämt sich irgendwie dafür ...

Edda Richtzenhain, Familien- und Systemaufstellung, Minden