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Winterstille – Weise Königin

Die vielen Bilder weiblicher Symbolik lassen sich auf vier Archetypen konzentrieren, vier Aspekte, die weibliches Bewusstsein ausdrücken: Amazone/Kriegerin, Liebende/Geliebte, Priesterin/Magierin und Königin/Alte Weise ...

Diese Energiestrukturen sind in jeder Frau angelegt und sollten im Laufe des Lebens durch Bewusstseinsschulung entwickelt und vertieft werden. Sie lassen sich den Elementen Luft, Feuer, Wasser und Erde zuordnen, ebenso den vier Jahreszeiten. Sie sind wie eine Klaviatur des Weiblichen und laden zu immer neuen Melodien ein, die jede Frau auf ihre einzigartige Weise spielt.

Im Jahreskreis können Stille und Rückzug der dunklen Zeit in Gestalt der Königin eine archetypische Qualität vermitteln, die wesentlich für die Gesundheit aller ist, aber besonders die der Frauen.

Die vier weiblichen Archetypen

Amazone

Der amazonischen Energie ist eine aktive, mutige und in ihrer Wild-Entschlossenheit sehr klare Art zu eigen. Die Liebende bedeutet Hingabe und Mitgefühl und ist ein Überfließen aus dem weiblichen Seinsgrund der Liebe selbst.

Die Priesterin steht für die heilenden Fähigkeiten und das heilende Tun von Frauen. Sie kennt sich gut in der Unterwelt aus, öffnet Türen und zeigt Wege zu mehr Gesundheit, Wachstum und Ganzheit.

Einen auf den ersten Blick wenig spektakulären Aspekt bildet die Königin. Sie ist die ruhende, liebevoll sorgende Kraft im Hintergrund. Sie steht nicht im Mittelpunkt, hat aber die "Schlüsselgewalt" inne, hält alle Fäden in der Hand und ordnet sie weise. Ihre Anwesenheit ist spürbar, auch wenn sie nicht immer sichtbar ist. Sie hat weniger das Individuelle im Sinn, als mehr das Wohl der Gemeinschaft, ihr "Land".

Ein gutes Beispiel für diese Königinnenschaft ist Arwen Abendstern aus dem „Herrn der Ringe“. Ihre sanfte, weise, weibliche Art bleibt, zumindest im Roman, im Hintergrund. Und doch ist sie es, die Aragorn die von ihr gestickte Fahne zusendet (kunstvoll geordnete Fäden der Kraft) und ihm damit das Zeichen gibt, sich nach jahrelangem Verstecken offen als König zu zeigen. Aus der Entfernung weiß sie, dass die Zeit reif für einen Wandlungsschritt aller ist.

Bedingt durch die Geschichte, in der Frauen über viele Jahrhunderte dazu verurteilt waren, in der Zurückgezogenheit von Heim und Herd, Kloster oder Harem zu leben, scheint der Aspekt der Königin wenig attraktiv.

Und doch ist er ein zutiefst weiblicher Ausdruck von Intuition, Weitblick und Weisheit, der sich zu integrieren lohnt. Denn es geht nicht darum, die Errungenschaften von Freiheit und Autonomie aufzugeben, sondern auf dieser Basis weibliche Werte neu zu entwickeln. Einer dieser Werte ist die weibliche Weisheit.

Was ist Weisheit? Wie entwickelt sie sich?

Wenn wir Weisheit definieren wollen, so stehen wir vor einer umfangreichen Sammlung sehr entwickelter Fähigkeiten. Denn Weisheit ist die Frucht eines langen, intensiv gelebten Lebens, in dem alle Erfahrungen, auch – und gerade – die angst- und leidvollen, in einem größeren Sinnzusammenhang erkannt sind und ausgedrückt werden können. Aus diesen lebenslangen Prozessen resultiert eine vielseitige, integrative Kompetenz. Weises Handeln geht über persönliche Interessen hinaus, hat das Wohl der Gruppe im Blick und kann im besten Falle sogar aus einem welt- oder kosmozentrischen Wissen und Bewusstsein schöpfen. Viele verschiedene Perspektiven einnehmen zu können, gehört zur Weisheit ebenso dazu wie die Balance von Kopf, Herz und Bauch. Auch im ärgsten Sturm Ruhe zu bewahren und weise zu handeln, braucht eine gewisse Distanz, aus der die Dinge betrachtet und eingeordnet werden können. Zur Entwicklung im kognitiven, emotionalen und ethischen Bereich muss also auch Tiefe hinzukommen, wenn die Frucht der Weisheit reifen soll.

Die Tiefe der weiblichen Weisheit

Weibliche Energie hat eine fließende Dynamik, die entsprechend ihres Elementes Wasser immer die Tiefe sucht. So sind Tiefe und Innenraum die Heimat des Weiblichen, der sichere Grund, auf dem wir Halt und Regeneration finden.

In der Welt erscheint das Weibliche als die Fähigkeit der totalen Hingabe an die Fülle des Lebens: Es ist ein vollkommenes Ja, das ganze Drama des Lebens zu umarmen, das des eigenen sowie aller anderer Wesen. Das Weibliche schöpft seine Kraft aus dem Herzen, hat stets etwas Sanftes, Mitfühlendes und Mildtätiges. Deswegen brauchen Frauen eine gute Basis von amazonischer Klarheit und Grenze, um dieses auf gesunde Weise bis ins hohe Alter leben und leisten zu können.

Und sie brauchen die Energie der Königin, die ruhende, stille Kraft der Tiefe, die „im Grunde“ alles zusammenhält, wie ein magnetischer Pol dafür sorgt, das frau sich nicht auspowert, nicht ausblutet und sich nicht aufopfert. Durch ihre Ruhe und Distanz vom regen Treiben behält sie die Übersicht, den Weitblick und den Durchblick, ist also bei allen Prozessen, die uns beschäftigen, eine sehr wertvolle Unterstützung. Dafür muss die Königin allerdings im Bewusstsein einen festen Platz haben, muss durch Rückzug und Pflege des Innenraums regelmäßig aufgesucht werden. Und genau hier, im stillen Raum der Tiefe, kann die in den Prozessen der aktiven Bewusstseinsarbeit entwickelte Weisheit zur vollen Reife gelangen. Dunkelheit, Stille, Nach-innen-schauen und -fühlen bilden den idealen Rahmen, in dem wir zu uns selbst finden und uns an die göttliche Quelle anbinden. Im Dunkel allerdings liegen auch unsere Schatten, die negativen, das was wir nicht sein wollen und die positiven, das, was wir so gerne sein würden. Und so ist Schattenarbeit ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Weisheit.

Das Symbol der Schwarzen Madonna

Schwarze Madonna

Aus der Mythologie kennen wir die weibliche Weisheit als die weise Alte am Herd, wir kennen sie in Gestalt der stillen Unterweltsköniginnen, der Winter- und Schicksalsgöttinnen, die im Verborgenen die Fäden des Lebens aller in den Händen halten. Ein weiteres wichtiges Symbol sind die Schwarzen Madonnen, insbesondere die der Romanik. Es sind machtvolle Königinnen, die – oft im Dunkel der Krypta – auf dem Thron der Weisheit sitzen. Ich habe im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte viele unterschiedliche Schwarze Madonnen besucht und bin jedes Mal sehr berührt von dieser Art Weiblichkeit, die tief in sich ruht, mit ernstem, gefassten Gesicht und in erhabener Haltung. Manche haben diese großen Augen, die an die prähistorischen Augengöttinnen erinnern, Augen, die alles gesehen haben, alles zu sehen scheinen und hinter den Dingen das Wesentliche erkennen. Andere wiederum sind tief in sich versunken und schauen nach innen. Sie sind für mich kraftvolle Bilder einer meditierenden Frau, in ihrem vollkommenen Nicht-Tun so voller Lebendigkeit, Präsenz und Frieden. Meditation ist der Königinnenweg, in Kontakt mit der Tiefe zu kommen.

Tanzen und Stille

Es gibt wunderbare weibliche Wege der Meditation. Dazu gehört auch das Kreistanzen.

Im meditativen Tanz der "Kore-Persephone" von Kuduna Kalliroi-Orthmann beschreiten wir einen Initiationsweg durch das Reich der Schatten zum Licht der Erkenntnis und Weisheit, die Entwicklung vom Mädchen Kore zur Königin Persephone, "die im Dunkeln leuchtet". Wir erleben in diesem Prozess, bewusst und aufrecht dem Dunkel der Schattenwelt entgegenzugehen, die Niederwerfung im Rückwärtsgehen in gebeugter Haltung, die Erhebung zur Königin und das Zurückziehen in einer demutsvollen und bescheidenen Verneigung des Dankes.

Kreistanz

Auch Pilger- und Labyrinthschritte, mindestens fünfzehn Minuten getanzt, sind ein erprobtes Medium. Anschließende Stillephasen, auch im Sitzen, sind nötig, dass die durch das Tanzen entstandene, ganz spezielle Energie sich im Inneren noch weiter vertiefen und sich "setzen" kann. Gerade in der dunklen Zeit "thronen" wir viel, sitzen auf Stühlen aufrecht und lassen Dunkelheit und Stille auf uns und in uns wirken. Um leichter in die Tiefe des Inneren zu gelangen, werde diese Phasen ganz pragmatisch mit sanften Beckenbodenübungen vorbereitet. Der Becken-boden ist ja dieser ruhende Pol in unserem Körper, der eine äußerst zentrierende Kraft ausübt, die Herdstelle unseres inneren Feuers. Wir nehmen sozusagen die Haltung der mythischen Vorbilder ein und beobachten, was passiert.

Im Herbstseminar 2012 in der Lüneburger Heide endete ein Tanzabend damit, dass wir uns in die "Waldoper" begaben, um dort im stillen Dunkel zu sitzen, zu schweigen und zu lauschen. Die "Waldoper" ist einer der schönen Plätze auf dem Gelände des Naturhotels Spöktal, wo wir zu Gast waren: eine sehr große, halbrunde und etwas überdachte Holzkonstruktion zum Sitzen. So saßen wir also schweigend im Dunkeln. Ich hatte keine Anweisungen gegeben, wir saßen einfach da. Ab und an öffnete ich die Augen, sah uns thronen wie mythische Gestalten in einem Tempel, dann wieder war mir, als säßen wir in einem Raumschiff, das uns in die Zukunft trug. Die Atmosphäre war jenseits von aller Zeit. Viele Frauen äußerten am nächsten Tag ihre besondere Berührtheit, einige sprachen sogar davon, dass dieses Erlebnis für sie das "Highlight" des Seminars gewesen sei.

Aus dem bewussten Kontakt mit der eigenen Tiefe und Stille strömt uns die Kraft zu, dass wir uns in Weisheit vollenden können. Letztendlich besteht die Kunst der weisen Frau darin, immer alle vier Archetypen an allen Prozessen teilhaben zu lassen, auch wenn mal ein Aspekt mehr im Vordergrund steht. Im Spiel der Klaviatur des Weiblichen hören wir den kraftvollen Anschlag der Amazone, den sanften, schmelzenden Klang der Liebenden, die dunklen Akkorde der Königin und die Höhen und Tiefen mit perlendem Lauf verbindende Priesterin.

Anna-Maria Lösche, Orientalischer Tanz, Kreistanz, Ritual, Innere Arbeit
Tel. 05033-9630049 info@weiblicher-weg.de www.weiblicher-weg.de

Anna-Maria Lösche, Weiblichkeitspädagogin und Tanzpädagogin, Wunstorf