Zeitenwende / Themen / Frau & Mann / Polyamorie – Mehrfachliebe und ihre Chancen!

Polyamorie – Mehrfachliebe und ihre Chancen!

Was ist schon normal ...? Bei einem Spaziergang im Wald traf ich auf eine alte Bekannte und wir tauschten uns über unsere derzeitigen Beziehungen aus. Ich erzählte ihr von der Besonderheit meiner Liebe, nämlich dass ich diese Liebe offen lebe. Das heißt, dass mein Partner und ich noch weitere LiebespartnerInnen und Beziehungen haben dürfen ...

Sie meinte, ich sei mutig, und auch sie stoße in Beziehungen immer wieder an Grenzen. Sie habe einen Teil in sich, der nicht verstehe, dass man nur einen Menschen lieben könne.

Dieses Phänomen kennen vielleicht viele. Obwohl Liebe für den "alten" Partner da ist, entstehen Liebesgefühle für weitere Personen. In unserer Gesellschaft wird jedoch nur die monogame heterosexuelle Zweierbezeihung als "normal" bewertet. Alle anderen Beziehungsmodelle werden abgewertet, verurteilt oder sogar pathologisiert. Die herkömmliche Beziehungsmoral führt zu heimlichen Affären, Seitensprüngen, vorschnellen Trennungen und somit zur seriellen Monogamie. Wir glauben, der neue Partner/die neue Partnerin wird das Glück bringen. Mit Ihm/Ihr wird alles besser. Aber ist das so?

Polyamorie, d.h. langfristige, vertrauensvolle Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen – mit Wissen und Zustimmung aller beteiligten Partner ist entweder unbekannt oder wird verurteilt.

Testen Sie Ihre Urteile. Denken Sie nicht auch: "Keine Verbindlichkeit! Keine richtige Beziehung! Bindungsprobleme! Es geht nur um Sex! Das kann auf die Dauer nicht funktionieren!"

Auch ich konnte mich in der Vergangenheit nicht von diesen Urteilen freisprechen und stoße auch jetzt noch an die eigene Moral und Vorurteile. Aber die Urteile lösen sich auf, ich erfahre die andere Seite, lerne die Geschenke und Herausforderungen dieser Beziehungskonstellation kennen und nehme sie an.

Hans Jellouschek (Paartherapeut) schreibt (2004): "Ich glaube tatsächlich, dass in solchen Erfahrungen (Dreieckskonstellationen) ein wesentlicher Anstoß für einen spirituellen Weg liegen kann."

Ja, für mich ist die Annahme der Polyamorie ein spiritueller Weg hin zur bedingungsloseren Liebe mit mir und den anderen. In dieser Beziehungsform lerne ich, den Partner loszulassen. Ich bin aufgefordert, aus meinem Besitz- und Anspruchsdenken herauszukommen und alte Vorstellungen und erlernte Werte loszulassen. Ich schenke mir und dem Partner die Freiheit, frei zu lieben. Ich bin Hier und Jetzt! Grundvoraussetzungen dabei sind Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Nicht Treue im traditionellen Sinn, sondern Kommunikation und absolute Offenheit bilden die Verhaltensnormen, die es auch einzuhalten gilt, wenn sich meine Gefühle oder die des Partners verletzt fühlen. Ich bin aufgefordert, die Eigenverantwortlichkeit für meine Bedürfnisse auch in Beziehung beizubehalten. Ich reife immer mehr zu einer selbstverantwortlichen, selbstbewussten Frau, die all Ihre Facetten liebevoll annimmt und lebt.

Ich stelle in Frage, ob die traditionelle Ehe wirklich die einzige Form der Liebe darstellt. Vielleicht benötigen unterschiedliche Seelen an verschiedenen Stellen des Lebens unterschiedliche Beziehungsformen zum Wachstum.

Buchtipps zum Thema Polyamorie: "Ein Frühstück zur dritt"; „"Mehr als eine Liebe".

Heike Wilken, Dipl. Psychologin, HP (Psych.), Physiotherapeutin, Bielefeld