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Früchte der Erkenntnis – Adam und Eva im 21. Jahrhundert

Wo beginnen? Bei Adam? Bei Eva? Der Verführerin, dieser Schlange – welcher Mann wäre da nicht schwach geworden? Liebe macht blind ... Oder sollten wir mit Lilith beginnen, dem widerspenstigen, lüsternen Weib, das sich dem groben Adam nicht unterordnen wollte? Die vergessen wir lieber. Machen wir einen Zeitsprung ...

Lassen wir Matriarchat, Patriarchat, Bilder von unterdrückten Frauen, sich emanzipierenden Frauen, von Hexen, Huren, Prinzessinnen und Jungfrauen, von Männern, die verblendet in den Krieg ziehen, von Männern, die die Freiheit verteidigen, von Wüstlingen, Machos, Rittern und Abenteurern, von Liebe und Hass, von Einheit und Trennung (geschichtlich) hinter uns und schauen ins Hier und Jetzt, ins 21. Jahrhundert.

Schauen wir ins Fernsehen. Sehnt Mann sich nach dem Vollweib, Germany‘s Next Topmodel, Shakira oder Dita von Teese? Möchte SIE so sein? Ewig jung und sexy, mal Powerfrau, mal naiv, ein Videoclip der geilen, fleischgewordenen Verheißung, ein Produkt der medialen Verdummung? Wird (es) Frau beim Anblick der rasierten, muskulösen Männerbrust aus der Werbung heiß? Fühlt sie sich sicher im Sportwagen des Managers? Wünscht sie sich anstelle des verständnisvollen Weicheis insgeheim James Bond an ihrer Seite? Darf es Brad Pitt sein, George Clooney oder Günther Jauch? Was macht ER, wenn er als behaarter Leptosom zur Welt kommt, der nicht Dr. No jagen, sondern Krankenpfleger werden möchte, einen abwracktauglichen Opel Corsa fährt und von Hartz IV lebt? Hilft da ein Quantum Trost?

Da die Welt nicht von Shakiras und Clooneys wimmelt und im realen Leben die Möglichkeiten der Retusche und ewigen (Fernseh-)Wiederholungen begrenzt ist, erscheint die rhetorische Frage "Passen Männer und Frauen überhaupt zusammen?" mehr als gerechtfertigt. "Ja!" ist die Antwort der Filmindustrie (und der Trivialliteratur), denn sonst lässt sich keine Quote machen. Bis zum Happy End, nach dem sogleich Abspann und Violinen folgen. Oder bis zum Open End – unerfüllte, sehnsuchtsvolle Liebe lässt der Fantasie mehr Spielraum (er zieht heimatlos durch die Welt, sie heult sich jahrelang bei ihren Freundinnen aus; werden sie sich jemals wiedersehen?). Doch was kommt danach? Spätestens hier sollten wir den Stecker ziehen (den des Fernsehers).

Tunnelblick adé

Womit wir endlich ganz im Alltag des 21. Jahrhunderts angekommen sind. Der kurze Blick zurück und in die Mattscheibe hat gezeigt, das dieses Thema viel "Saft" hat, gespickt ist mit Leid und Drama, mit Glück verheißenden, romantischen und unwirklichen Vorstellungen, mit allerlei Vorurteilen und Beurteilungen, mit Ab- und Bewertung.

Was tun? Dranbleiben, mit Hilfe der Schönheitschirurgie, der Wellnessbranche, des Rasierers und des Fitness-Studios? Das wahre Alter verschweigen und sich zur Castingshow anmelden? Den Corsa verschrotten, einen Porsche kaufen und cool in die Privatinsolvenz rasen? Warum nicht? Verrücktheiten sind erlaubt. Und Körperpflege und sportliche Betätigung gesundheitsfördernd. Aber niemand ist Daniel Craig (außer er selbst) und niemand ist Shakira (außer sie selbst) und beide haben obendrein ein Privatleben, in dem sie älter werden und vermutlich seltener die Hüften schwingen und feindliche Agenten erschießen.

MannFrau

Bekannte Menschen haben Vorbildcharakter. Und so soll nicht der Eindruck entstehen, dass die eben genannten nicht als Vorbilder taugen. Natürlich tun sie das – indem sie uns eine Facette von vielen spiegeln. Eine Facette des MannSeins, eine Facette des FrauSeins. Geht es also darum, viele Vorbilder mit mehreren Facetten zu wählen? Ja und nein. Nein, wenn wir uns aufs Glotzen beschränken und vor uns hin träumen. Ja, denn vor uns haben etliche Männer und Frauen gelebt, mit uns leben Frauen und Männer – nicht (oder weniger) in klischeehaften Rollen –, nebenan, in unserer Familie, im Bekanntenkreis. Es gibt Literatur, die sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt, ForscherInnen, TherapeutInnen, Selbsterfahrungsgruppen; wir müssen es selbst spüren, selbst erkennen. Und es ist wichtig, sich als männlicher Mann zu fühlen, sich als weibliche Frau zu erfahren. Ein Fortschritt für alle, dass auch ER mal kocht, das Baby wickelt und den Wehrdienst verweigert. Nur, müssen dafür männliche Eigenschaften wie Durchsetzungskraft, Stärke, Selbstbewusstsein oder Standhaftigkeit auf der Strecke bleiben? Wie fühlt es sich an – für ihn und für sie – wenn er den Softie und den "Krieger" miteinander verbindet ...? Ein Erfolg der Frauenbewegung, dass Frauen in Führungspositionen drängen, (zumindest in Teilen dieser Welt) unabhängig und unbehelligt Stärke zeigen können. Darf SIE trotzdem (kuschel-)weich und schwach sein, sich hingeben und in der Fülle schwelgen? Macht nicht erst alles zusammen Sinn?

Tunnelblick adé! Schauen wir nach innen – und von "außen". Auf uns selbst, auf den anderen, integrieren wir unsere vielfältigen weiblichen und männlichen Anteile, werden wir zu sanften, kraftvollen Männern, zu durchsetzungsfähigen, hingebungsvollen Frauen. Durchschauen wir Bewertungen, die mit dem Wort "typisch" beginnen.

Das Zauberwort "Integral"

Eine theoretische und praktische Hilfe ist der "Integrale Ansatz" von Ken Wilber. Auf verschiedenen (abwechselnd mehr weiblich oder männlich gefärbten und sich nacheinander entwickelnden) "Ebenen" treten bestimmte Eigenschaften und Werte in den Vordergrund, die in ihrer "gesunden" Form gelebt und integriert werden können und uns so ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten bieten. Männliche und weibliche "Typen" beziehen die Unterschiede zwischen Mann und Frau mit ein, "Linien" z.B. kognitive und moralische Entwicklung; Zustände markieren die spirituellen Erfahrungen bis hin zum Nondualen, dorthin, wo EinsSein die Trennung und somit die Unterscheidung auflöst. Die "Quadranten" erweitern unsere Perspektiven, lassen uns uns selbst, unser ZusammenSein mit Partner/Partnerin, mit sozialen Gruppen, unseren Platz im Kosmos mit objektiveren Augen sehen. Und wir erkennen, dass es nicht förderlich ist, bestimmte männliche und weibliche Aspekte unseres Seins abzuspalten, ins Reich der Schatten zu verdrängen, anstatt sie guten Gewissens anzunehmen. Männer jeden Alters dürfen dann Freiheit, Kraft, Mut und Zielstrebigkeit leben und gleichzeitig liebevoll und sanft mit einer Frau in Beziehung sein. Frauen jeden Alters können sich hingeben, die Fülle erfahren, weich und leidenschaftlich sein, frei und selbstbewusst ihren Weg gehen und sich sicher in der Verbindung mit ihrem Partner fühlen. Fernab von Vorstellungen, (sexuellem) Leistungsdruck, Jugendwahn und oberflächlicher Maskenschau, mit liebevoller Annahme unserer Unzulänglichkeiten.

Die "Anziehungskraft" bleibt, das "Liebes-Spiel" wird verantwortungsvoller und befriedigender. Wir werden selbst zu Vorbildern – mit all unseren Schwächen und Stärken – für unsere Kinder, die Frauen und Männer von morgen, für andere, die ebenfalls auf der Suche sind. Ein Traum? Eine Vision? Packen wir‘s an! Adam und Eva des 21. Jahrhunderts ernten gemeinsam die Früchte und danken Gott, der Göttin, der Existenz, dem allumfassenden Bewusstsein (oder welchen Namen wir auch wählen), dass sie dafür geschaffen sind, auf diesem Planeten als Mann und Frau, jeder für sich und beide zusammen, die "göttlichen" Ebenen der Erkenntnis zu erklimmen.

tg

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