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Gnädig mit mir selbst

Auf dem Sofa – Schokolade – Berieselung mit der Lieblingssoap. Dabei gäbe es so vieles, was ich tun könnte. Im Grunde weiß ich ja, wie ich meine stagnierende Energie wieder in Bewegung bringen kann ...

Ich könnte regelmäßig Yoga machen, morgens joggen, gesünder essen und mir nicht so viele Sorgen machen – stattdessen mehr lächeln und meditieren, ein paar Therapiestunden, früh ins Bett und morgens gleich die Rückenschule. Seufz. Warum ist es immer wieder so schwierig?
Was hält uns davon ab, das zu tun, von dem wir wissen, dass es uns gut täte? Diese Frage begegnet mir in der Praxis und ist ein zentrales Thema in den Gruppen und Seminaren. Obwohl das Angebot so reichhaltig ist und die Einsicht tapfer nickt – je tiefer wir in belastenden Phasen stecken, je nötiger wir es hätten, umso schwieriger wird es, in Bewegung zu kommen. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Ein Leben im Stress führt dazu, dass uns alles zu viel ist – Dinge, die uns guttun, kommen ans Ende der To-Do Liste und fallen weg. Soviel Willenskraft geht schon für die Bewältigung der Pflichten drauf! Es ist menschlich, wenn wir dann mehr Lust auf Sofa und Co haben.

Schritt eins für erschöpfte Menschen ist also, sich das Problem mit großer Freundlichkeit und Güte anzuschauen. Sich selbst zu erlauben, das faulste Faultier Ostwestfalens zu sein! Wirklich zu genießen, was sich da auf dem Sofa abspielt! Mensch sein dürfen mit allem Drum und Dran. Und wenn wir dann ein Motivationsfünkchen spüren: mit einem kleinen Schritt beginnen. Im Tantrismus wurde dafür die Micropraxis entwickelt – statt einmal am Tag 10 Minuten zu meditieren, hält man 10 mal am Tag für eine Minute inne – atmet, räkelt sich, nützt alle Sinne. Und entschleunigt damit den Alltag. Spazierengehen, statt gleich mit dem Joggingparcours zu beginnen. Kleine Erfolge feiern! Oft gibt es auch noch innere gute Gründe dafür, warum wir nicht in Bewegung kommen: traumatische Erfahrungen, Belastungen, die lange zurückliegen. Um damit zurechtzukommen, reduzieren wir unseren Lebendigkeitslevel und scheuen – wie weise – vor eine Mobilisierung solange zurück, bis wir wirklich die Kraft haben, diese Dinge zu verdauen. In der Einzeltherapie wird dann behutsam angeschaut, wie die erstarrte Energie wieder in Fluss kommen kann. Freundlich mit sich selbst zu sein ist etwas, das wir üben und lernen müssen.

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld