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Nachkriegsatmung

Als ich vor fast 20 Jahren damit anfing, ehrenamtliche Hospizhelferinnen auszubilden, stand ich vor einer Gruppe von sehr motivierten und gestandenen Frauen. Am 2. Tag begann ich mit einer Atemübung. Es herrschte betretenes Schweigen ...

Schließlich sagte eine ehemalige Stationsschwester: „Frau Uffmann – zeigen Sie uns einfach etwas über Hospizarbeit. Atmen können wir schon.“ Was ein Gelächter auslöste und mich in Erklärungsnot brachte.

Ich sagte schließlich: „Als kleine Kinder atmen wir noch voll und tief. Aber jedes Mal wenn wir Angst haben oder uns nicht ganz sicher fühlen, wird der Atem flacher. Warum? Der Körper ist wie ein Ofen – je mehr Luft reinkommt, umso größer ist das Feuer der Lebendigkeit. Wenn wir wenig atmen, spüren wir weniger. Weniger Angst und Schmerz – aber leider auch weniger Freude. Als Erwachsene sind wir dann längst ans sparsame Atmen gewöhnt. Das ist so wie in der Nachkriegszeit: mit möglichst wenig zurechtkommen. Und diese Zeit ist jetzt vorbei.“ Das konnten alle nachvollziehen und sie waren bereit für die Übung.

Die „Nachkriegsatmung“ gehört seitdem zu meinem Erklärungsfundus. Sie verhindert das Spüren. Deshalb ist in den körperorientierten Therapien der Atem so wichtig. Mit jedem Einatmen schaffen wir Raum in uns.

Auch in den spirituellen Lehren spielt der Atem eine zentrale Rolle. Der shivaitische Tantrismus lehrt, dass in jedem Atemzug die Totalität von Schöpfung und Leere liegt, das Ja zu allem, die Hingabe an alles. Jeder Atemzug findet in der Gegenwart statt – in diesem Moment – und so ist der Atem ein wunderbarer Lehrer für Präsenz und Wachheit im Augenblick.

Von dort aus beginnt das spannende Abenteuer, mir selbst, den anderen Menschen und der Welt auf eine neue Weise zu begegnen: staunend, mit Offenheit und innerer Kraft.

Bewegung und Entspannung unterstützt dabei, den Atemraum auszudehnen und neue Erfahrungen zu machen: mit Nähe und Begegnung, mit tiefer Stille und Raum.

Antje Uffmann, HP (Psych.), Bielefeld