Zeitenwende / Themen / Achtsamkeit / Achtsamkeit – Selbstversuch mit Tücken

Achtsamkeit – Selbstversuch mit Tücken

Achtsamkeit ... Für Viele ist der Markttag das Highlight der Woche. Es darf gewühlt, gefeilscht und geklönt werden. Frisches Gemüse am laufenden Band, Ledergürtel zum Schnäppchenpreis, Wundermittel für streifenfreies Fensterputzen und Coffee to go. Manch anderer – so wie ich – ist heilfroh, wenn er der kaufwütigen Menschenmenge entronnen ist.

Nichts gegen Körperkontakt – ich möchte nur vorher zustimmen. Auf dem Markt quasi unmöglich. Ein Test: Ich stelle mich an den Rand eines Verkaufstandes, den Einkaufskorb als kleinen Rammbock links neben meine Füße positioniert. Es gibt sie noch, die Marktschreier, stelle ich fest. Es geht um besonders frische, besonders billige Apfelsinen im Großgebinde, die im 10-Sekunden-Takt lauthals feilgeboten werden. Nun, das nehme ich in Kauf. Habe eh einen Tinnitus. Meine Übung heißt: Achtsamkeit.

Mit offener Präsenz, geschult in Meditation und Bewusstseinsarbeit, stehe ich da. Regungslos, entspannt. Beobachte Gedanken und Gefühle. Und die Mitmenschen. Achtlos streifen die ersten Plastiktüten meine Jacke. Ich verharre (noch) lächelnd. Im Rückwärtsgang befindlich, tritt mir jemand auf die Schuhe, ohne es zu bemerken. Spannt dann auch noch den Regenschirm auf. Indem ich dem Knirps reflexartig ausweiche, rette ich mein Augenlicht. Schon parkt ein Mann mit Sturzhelm sein Fahrrad neben meinem Einkaufskorb und zerquetscht mit dem Vorderreifen den Porree, der dummerweise etwas übersteht. Derweil springt ein kontaktfreudiger Hund an langer Leine an mir hoch, während Frauchen die Avocados prüft. Er will spielen, na klar. Schade, dass wir einen typischen Matschtag haben – die Hose ist reif für die Reinigung. Frauchen zieht Leine und guter Dinge weiter. Als ich einen Kinderwagen in die Kniekehlen gerammt bekomme, beende ich genervt den Selbstversuch. Wo sind die Leute eigentlich mit ihren Gedanken?

Auf der Heimfahrt im Wagen hänge ich an einer Ampel fest, lasse die Ereignisse auf dem Markt, leise vor mich hin schimpfend, Revue passieren, beobachte einen Jugendlichen mit Stöpseln in den Ohren (MP3-Player?) und stierem Blick aufs Smartphone, und mir wird klar: An allen Ecken und Kanten mangelt es an Achtsamkeit. Da wird hinter mir energisch gehupt. Verschreckt stelle ich fest, dass die Ampel (wie lange schon?) Grün zeigt. Da habe ich wohl gerade gepennt?!

Ein Großteil unserer Alltags-Aktivitäten läuft automatisch und unbewusst ab. Wäre das nicht so, müssten wir vor jedem Schritt, bei jeder Handbewegung überlegen. Eine Reizüberflutung, die uns – ohne Filterung durch das Gehirn – völlig überfordern und blockieren würde. Achtsamkeit hat also seine Grenzen. Und wir müssen uns dafür entscheiden.

Mit Präsenz zum Ziel

Multitasking heißt das Zauberwort für das gleichzeitige Ausführen mehrerer Tätigkeiten, mit dem Ziel der Optimierung und Zeitersparniss. Der Haken bei der Sache: Wir verfranzen uns, machen alles halbgar oder oberflächlich. Die Aufmerksamkeit lässt sich schwer aufrechterhalten. Stress ist die Folge. Für tiefe Achtsamkeit lohnt die Beschränkung auf eine oder wenige Tätigkeiten.

Grübeleien, Ärger und Sorgen haben den Effekt der Ablenkung. Präsenz hingegen nimmt zwar störende Gefühle, Körperempfindungen und Gedanken wahr, bleibt aber im Hier und Jetzt verankert.

Häufig bewerten wir das Wahrgenommene voreilig. Mit Offenheit und Neugier auf Neues kommen wir der Realität achtsam näher. Wenn wir uns obendrein unserer Strukturen und Schatten bewusst sind – umso besser.

Engstirnigkeit und Schubladendenken können zwar theoretisch mit Achtsamkeit einhergehen, beschränken die Realität allerdings auf eine stark begrenzte Sicht. Je komplexer unsere Welt wird, desto mehr Perspektiven sollten wir einnehmen können. Abwägen und bewusstes Auswählen ermöglicht vielschichtiges achtsames Handeln. Der Integrale Ansatz von Ken Wilber beispielsweise bietet hierfür hervorragendes "Werkzeug" an.

Selbstversuch Teil 2

Nächster Markttag. Nach wachsamer Autofahrt schlängele ich mich umsichtig durch die Menge. Bislang ohne Zusammenstoß mit Tüten, Körben, Kinderwagen, Rädern, Hund und Mensch. Der Schrei des Marktschreiers zieht mich magisch an: 10 Kilo Apfelsinen, fast geschenkt. Doch halt: Kann ich die wirklich alle verbrauchen? Sind die gespritzt? Radioaktiv bestrahlt? Genmanipuliert? Mussten Urwälder dafür weichen? Wurden Arbeitskräfte ausgebeutet? Eine alte Dame neben mir, vermutlich Stammkundin, sagt: „Die sind lecker. Greifen Sie zu, junger Mann!“ Ich verneine, bedanke mich höflich, schlängel mich erfolgreich zum Biostand durch, kaufe 6 Eier aus der Region, Bodenhaltung, Bauer liebt Huhn, spritzt, bestrahlt und manipuliert nicht. Den Pappkarton mit den Eiern in der Linken, fische ich mit rechts das Portemonnaie aus der Hosentasche heraus. Hatte ich leider nicht richtig verschlossen, die Geldbörse, infolgedessen sich der Euro im Sinkflug befindet. Dank guter Körperbeherrschung und einer schnellen Handbewegung fange ich einen Teil des Kleingeldes auf – der Karton mit den freilaufenden Eiern hingegen entgleitet mir ...

Eine Frau mit Hund, der brav sitzt und aufmerksam blickt, reicht mir mit spitzen Fingern den triefenden Eierkarton. Die verlorenen Münzen hat ein ehrliches Kind aufgesammelt. "Hier, zum Trost" – das Geschenk der alten Dame weckt die Wiedersehensfreude: eine Apfelsine vom Schnäppchenkauf beim schreienden, konventionellen Obsthändler. Es gibt doch wirklich nette, aufmerksame Mitmenschen. Gehen Sie mal auf den Markt. Aber nehmen Sie sich in Acht!

tg