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Das Gezeichnete Ich / Das Gezeichnete Ich

"Die Gratwanderung zwischen dem Intellekt und dem rein Seelischen" wagt der Berliner Pop-Poet "Das Gezeichnete Ich" auf seinem gleichnamigen Debütalbum – und das wird viele überzeugen, die vom Popgedudeleinheitsbrei, mit dem uns die Radiosender (häufig) die Gehörgänge betäuben, bedient sind ...

Hier hat sich ein Musiker und Songschreiber aufgemacht, "der Entzauberung der Liebe, die heute im schnellen Datenfluss zu ertrinken droht wie in einer Sintflut, einen romantischen Zauber entgegenzusetzen ..."

Das Gezeichnete Ich, Foto: Andreas Mühe

Dabei klingt "Das Gezeichnete Ich" (Foto: Andreas Mühe) irgendwie vertraut – und doch wieder ganz anders. Klingt wie einer, den Bach und die Beatles beinflusst haben und der seine Sprache durch das Studium von Thomas Mann, Goethe und Gottfried Benn geschärft hat. David Bowie ist mitunter vorgeworfen worden, er habe (gekonnt) in der Pop- und Rockmusik "gewildert". Immerhin hat er eine Menge grandioser Songs hervorgebracht und einen unverwechselbaren Stil entwickelt. Doch zurück zu diesem Album: Die Mischung macht‘s auch hier. Entstanden sind sehr schöne Melodien, mal kraftvoll orchestral, mal zart – mit Tempowechseln und kleinen Brüchen –, die gleichermaßen eingängig und eigenwillig klingen, die Piano, Streichinstrumente, Schlagzeug, Gitarren und elektronische Effekte zu einem hörenswerten Kunstwerk verweben. Sprachliche Drahtseilakte wie "Glück lässt mich verdursten, doch ich rechne mit dem Wolkenbruch" oder "So klopft das Schicksal an die Türe und ich bete es herein" machen das bewusste Zuhören (und das Lesen des Booklets) zum Vergnügen.

"Zwei Jahre Arbeit (Blut, Schweiß, Tränen und immer wieder neue Ideen)" stecken, nach Aussage des Künstlers, in diesem Album, das es zwar gerade auf etwas mehr als 37 Minuten bringt – dafür wirken jeder Ton und jedes Wort wohlüberlegt und perfekt gesetzt.

tg