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Schüle, Christian: Was ist Gerechtigkeit heute?

"Wie so oft reduziert sich Gerechtigkeit letztlich also auf eine Rechnung: Wer bringt wie viel und was? Damit ist Gerechtigkeit eine Rationalität, ein statistischer Algorithmus, die Interpretation eines Kosten-Nutzen-Kalküls. Sie bemisst sich am als gerecht empfundenen Verfahren der Verteilung von Geld ..."

Gerechtigkeit gehört zu den großen Menschheitsthemen. Jede/r kennt das: schnell fühlen wir uns ungerecht behandelt, und genauso schnell rechtfertigen wir uns damit, dass wir gerecht gehandelt haben. Doch was genau ist eigentlich Gerechtigkeit? Heute? In Deutschland, in einer sich ständig verändernden Welt ...?

Diesem Thema widmet sich Christian Schüle. In vier Kapiteln geht er der Frage nach, ob Gerechtigkeit eine Norm, eine Moral, ein Verfahren, ein Sachverhalt oder vielmehr Mythos, Ideal oder Fiktion ist. Dabei dekonstruiert er den Begriff Gerechtigkeit zunächst und gelangt dann am Ende zu einer Neudefinition.

Er beleuchtet soziale, ethische, kulturelle, politische – und vor allem wirtschaftliche Aspekte: "Meine Generation ist mit dem Versprechen auf freien Markt und freien Handel, auf die Freiheit des Einzelnen, Wahlfreiheit und Unternehmensfreiheit ins Leben gegangen ...". Und so werden Geld, Einkommen, Vermögen zum bestimmenden Gegenstand der Untersuchung. Das hört sich stellenweise an wie "Eine Abrechnung" mit Kapitalismuskritikern, "Sozialstaatsnostalgikern", "Lamentierern", "Verschwörungsfantasten", Linken, Wohlfahrtsstaat, Mindestlohn, "Herdprämie und Heimchengeld".

Mitunter wird man dabei an eine politische Diskussionsrunde im Fernsehen erinnert, wenn Sätze fallen wie: "Es gibt keine Beziehung zwischen Steigerung des Vermögens und dem Zustand der Armen in der Gesellschaft", "Dass die einen mehr, die anderen weniger haben, liegt in der Natur der Sache des Seins [...] alles andere wäre naive Augenwischerei" oder: "Nicht die Kapitalmärkte sind das Problem, sondern unser Verhalten in ihnen".

Eine "Musterfamilie" soll, z.B. bei der Aufteilung eines Kuchens, Gerechtigkeits-Probleme veranschaulichen, doch es verwirrt hier und da, das gut gemeinte hypothetische Abwägen von Für und Wider, Einerseits und Andererseits, die Gedankenspiele um "was wäre wenn?" Und ob der einwöchige Selbstversuch, der einer vierköpfigen Familie mit monatl. Nettoeinkommen von 1000 Euro einen täglichen Essensbedarf von knapp 20 Euro vorrechnet (bleiben ca. 400 Euro + Kindergeld für Miete, Kleidung, Schulsachen ...?), sinnvoll und angemessen ist, sei dahingestellt.

"Letztes Bekenntnis" nennt der Autor sein Resümee und fragt (sich): "Gibt es Gerechtigkeit? Nein. Ja."

Würde ich dieses Buch empfehlen, fragt sich der Rezensent? Nein. Ja.

Nein. Wegen bereits genannter Kritik.

Nein. Mitunter werden Schlussfolgerungen gezogen, die ungenau oder inkorrekt sind. Beispiel: "... gleichzeitig haben 1,5 Millionen Menschen mehr als 2009 eine sozialversicherte Beschäftigung. Übersetzt heißt das: In Deutschland können nicht immer weniger, sondern immer mehr Bürger von ihrer Arbeit leben." Wohlgemerkt: Die Sozialversicherungspflicht unselbstständiger Arbeit beginnt bei einem Lohn von 451 Euro im Monat.

Nein. Beispiele, Statistiken und Studien werden für z. T. spekulative Betrachtungen herangezogen und "passend" interpretiert.

Nein. Weil Schüle bisweilen eigene Ansichten mit nicht immer gut nachvollziehbaren Sachverhalten vermischt.

Nein. Die Beziehung zwischen (ungebremstem) Wirtschaftswachstum und Ökologie kommt zu kurz.

Ja. Weil jedes aufgeführte Nein womöglich ungerecht ist, denn der Rezensent hat, trotz der Bemühung, objektiv zu bleiben, natürlich auch seine persönlich gefärbte Brille auf. Leser sollten sich (sowieso) ihre eigene Meinung bilden.

Ja. Der Autor moniert Vorverurteilungen und Schuldzuweisungen.

Ja. Denn Schüle fordert Verantwortungsbewusstsein, Toleranz und das Überdenken von (gefühlten) Opfer- und Täterrollen.

Ja. Der Autor setzt sich ein für: Gleichberechtigung, Wertschätzung, Perspektive, Teilhabe und Teilnahme, (Leid-)Freiheit, Individualität, Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit.

Ja. Bei aller Kritik an Passagen des Buchs – es ist zu erkennen, dass es Schüle darum geht, vorgefertigte Meinungen aufzubrechen und Diskussion zu initieren, das (inter)subjektive, relative, diffuse Gefühl der Gerechigkeit in möglichst konstruktive, rationale, globale Überlegungen zu verwandeln.

Zu guter Letzt steht die versöhnliche Erkenntnis der eigenen Ratlosigkeit – und Zuversicht: "Alles ist nichts ohne Gerechtigkeit. Sie liegt allem zugrunde und schwebt über allem. Sie steckt in uns, in Ihnen, in mir, in den Tiefenschichten der Leibseele ..."

"Was ist Gerechtigkeit heute? – Eine Abrechnung" von Christian Schüle, Pattloch Verlag, 360 Seiten.   

tg