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Salgado, Sebastião: Genesis

"Dieses Werk ist das Ergebnis meiner Reisen, eine visuelle Liebeserklärung an die Erhabenheit und Zartheit der Welt. Doch es ist zugleich eine Mahnung, so hoffe ich, dies alles nicht aufs Spiel zu setzen ..."

Für sein aktuelles Langzeitprojekt "Genesis" (Cover: Copyright TASCHEN) erforschte der renommierte und sozial engagierte brasilianische Fotograf Sebastião Salgado auf 32 Reisen 8 Jahre lang zu Fuß, in Booten, kleinen Flugzeugen oder Fesselballons abgelegene Winkel unserer Erde. Meistens gemeinsam mit seinem Kollegen Jacques Barthélemy, mitunter in Begleitung seiner Frau Lélia – mit der er zusammen das Instituto Terra leitet, und die auch dieses Buch gestaltete – oder seines Sohns Juliano. "Wir machten es uns zur Aufgabe, die Landschaften und Seegebiete aufzuspüren, die Tiere und uralten Völker, die dem langen – und oft zerstörerischen – Arm der modernen Zivilisation entgangen waren".

Salgados Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind von exzellenter Qualität und zeitloser Schönheit und werden bzw. wurden in diversen Ausstellungen gezeigt.

Eine umfangreiche Auswahl dieser "Hommage an unseren Planeten in seinem ursprünglichen Zustand" bietet der erstklassige Fotoband aus dem Taschen Verlag. Er ist in fünf, verschiedene Regionen und Ökosysteme präsentierende Kapitel gegliedert: "Im Süden der Erde", "Zufluchtsorte", "Afrika", "Nördliche Weiten" und "Amazonien und Pantanal".

Einleitende Texte stimmen auf die Bilder ein, die z.T. meditativen Charakter haben, größtenteils Doppelseiten füllen und über die man in einem beiliegenden Extraheft nähere Informationen erhält. Etwa, dass der Perito-Moreno-Gletscher 30 Kilometer lang ist und vom Südpatagonischen Eisfeld, dem drittgrößten Süßwasserspeicher der Erde, gespeist wird. Dass der Lavakaktus von den Galapagosinseln auf jungen Lavaströmen wächst und 50 verschiedene Arten von Lemuren nur im biologischen "Hotspot" Madagaskar vorkommen. Oder es wird erklärt, wie ein Heil- oder Trancetanz dem in der Kalahari-Wüste lebenden Volk der San, auch Buschmänner oder Bochimans genannt, "Eintritt in die Welt der Geister" ermöglichen soll.

Wer selbst fotografiert und vielleicht sogar einmal in der Dunkelkammer gearbeitet hat, wird sich über viele Details freuen, die die Faszination von Schwarz-Weiß ausmachen: das Spiel von Licht und Schatten, harte Kontraste und sanfte Grauabstufungen, Körnung, Strukturen, Linien und Formen, die Verdichtung aufs Wesentliche. Da Salgado während des Projekts von der analogen zur digitalen Fotografie überwechselte (Negativfilme wurden versehentlich bei einer Kontrolle am Flughafen zerstört), vereint das gedruckte Bildmaterial die Stärken beider Aufnahmeverfahren.

Aber auch für LeserInnen und Betrachter ohne fotografische Kenntnisse ist "Genesis" ein faszinierendes, aufrüttelndes Zeugnis von (nahezu) unberührter Natur und dem Leben in und mit ihr.

"Genesis" – Fotos von Sebastião Salgado, Konzeption und Gestaltung Lélia Wanick Salgado, Hardcover, Taschen Verlag, 520 Seiten.  

tg