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Nürnberger, Christian: Die verkaufte Demokratie

"Diese totale Ökonomisierung der Welt ist das Unökonomischte, was man sich denken kann, denn sie macht Menschen kaputt, zerstört soziale Beziehungen, betreibt Raubbau an der Natur, schneidet die Armen von Bildung ab, verhindert eine gesunde Entwicklung von Kindern, generiert Kriege, Flüchtlingsströme, soziale Unruhen und Gewalt ..."

Man merkt gleich. Hier redet einer nicht um den heißen Brei herum. Zwei weitere Zitate: "Die Beherrschung der Welt durch kommerziell agierende Mächte trägt inzwischen totalitäre Züge, unter denen Regierungen zu ausführenden Organen dieser kommerziellen Mächte werden." – "Ich möchte nicht, dass wegen meines iPhones Kinder krank werden oder gar sterben. Ich möchte nicht mit dem Kauf eines Smartphones indirekt irgendwelche Warlords und Bürgerkriege in Afrika finanzieren. Ich möchte, dass ein starker Staat solche Dinge verhindert."

Doch die Hoffnung darauf, dass Politiker sich diesen Tendenzen entgegenstellen, hat der Publizist und freie Autor Christian Nürnberger aufgegeben. Politiker beugten sich – wie Manager – dem Zwang zum schnellen Erfolg, der Macht der "147 weltbeherrschenden Konzerne", einem schier undurchdringlichen, milliardenschweren Geflecht von Interessen, der über Medien, PR-Agenturen, Lobbyisten und Verbände auf sie ausgeübt wird.

Er hat es versucht, als SPD-Kandidat über seinen fränkischen Heimatkreis in den Bundestag einzuziehen, um neugestaltend tätig zu werden, scheiterte an geballter Funktionärsmacht und war um eine Illusion und Erkenntnis reicher: "Parteieintritt ist auch keine Lösung."

Was ist mit Wählern und Konsumenten? Der Gegendruck, den engagierte Bürger, Wissenschaftler, Natur- und Tierschützer ausüben, sei zu gering, schreibt Nürnberger, und daher nicht wahlentscheidend. "Die Masse der Wähler und Konsumenten hat andere Sorgen, verhält sich daher neutral, indolent, gleichgültig." Und doch: "Wir, die Bürger, sind es, die jetzt ranmüssen."

Nun beweist Nürnberger in seinem Buch "Die verkaufte Demokratie", dass er kein frustrierter Querulant ist, sondern jemand, der sich engagiert, der Bewusstseins- und Veränderungsprozesse anschieben will, dabei selbstkritisch bei sich selbst anfängt und auch den Humor nicht verloren hat, wie etwa die Geschichte von den "Büsumer Feinkost-Louisiana-Flusskrebsen", die aus China stammen, zeigt.

Worum also geht es dem Autor?

Im ersten Teil, "Dieses Land war mein Land", beschreibt er den Übergang von sozialer Marktwirtschaft in einen ungezügelten, freien Markt und totalen Wettbewerb, listet Verstrickungen und ungesunde Entwicklungen auf.

Im zweiten Teil, "Hol dir dein Land zurück", wertschätzt er die großen zivilisatorischen Errungenschaften der Neuzeit, die es zu bewahren gilt. Betont, die Welt sei besser als ihr Ruf, unterstreicht die Bedeutung von Gemeinwohl, Selbstständigkeit und Vernetzung, stellt Lösungen, (grüne) Projekte und (regionale) Kooperationen, z.B. mit folgender Ausrichtung, vor: "Verdrängung von Fremdherrschaft, Etablierung von Volkswirtschaft, Gestaltung der europäischen Zukunft durch die Bürger von Europa."

Amazon, Apple, Facebook, Google, "Bad Banks", Atomstrom, Massentierhaltung, konventionelle Landwirtschaft – es gibt Alternativen. Und mit ihnen die Möglichkeit, ethischen Maßstäben und Grundrechten Priorität einzuräumen, Datensammelwut, Kontrolle und Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur so weit wie möglich zu entgehen und zu verhindern. Selbst, wer NSA und anderen Geheimdiensten die Überwachung schwer machen will, kann dies tun. Mit dem Datenschutzhandy Blackphone, der Metasuchmaschine MetaGer oder dem E-Mail-Postfach von Posteo  beweißen Unternehmen, dass der Markt eben doch funktionieren kann.

Nürnberger entwirft keinen Masterplan für die Weltrettung, er appelliert an jede/n Einzelne/n, aktiv zu werden, denn: "Sobald eine bestimmte kritische Masse erreicht ist und ich Teil dieser kritischen Masse bin, ist meine private Konsumentenentscheidung nicht mehr privat, sondern politisch." Und: "Zukunft ist kein Schicksal, ist nicht etwas, das uns widerfährt und ohnmächtig hinzunehmen ist [...] Sie hängt von uns ab, unseren Entscheidungen, unserem Verhalten [...] Wir können auch alles wieder verspielen, was wir erreicht haben."

Ein mitreißendes Buch, authentisch, inspirierend und aufrüttelnd. Von einem, der "bodenständig" berichtet und es nicht bei theoretischer "Besserwisserei" belässt.

"Die verkaufte Demokratie – Wie unser Land dem Geld geopfert wird" von Christian Nürnberger, Ludwig Verlag, 368 Seiten.

Lesen Sie auch "Das ZEITENWENDE-Interview" mit Christian Nürnberger.

tg