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McEwan, Ian: Solar

"Er gehörte zu jener Sorte Mann – nicht wirklich attraktiv, meist kahl, klein, dick und klug –, die auf gewisse schöne Frauen erstaunlich anziehend wirkt. Jedenfalls wiegte er sich in dem Glauben, und der war bisher nicht erschüttert worden."

Ist es möglich, dass ein Nobelpreisträger egoistisch, narzisstisch und kriminell handelt? Ja, das ist es. Physiker Michael Bird, der Protagonist in "Solar", hat vieles, von dem andere Männer nur träumen: Wohlstand, gesellschaftliches Ansehen – und Patrice, eine attraktive Ehefrau (seine fünfte) ...

Doch er ist ein unheilbarer Frauenheld. Als Patrice in ihrer Verzweiflung eine Affäre beginnt, ist dies der Anfang von Birds Abstieg, denn "diesmal war er ratlos, wie er sich verhalten sollte, langfristiges Denken war ihm eine Qual ..." Trotzdem schafft Bird es immer wieder, aus jeder Situation Kapital zu schlagen, sich alle Türen offen zu halten und Nebenbuhler skrupellos aus dem Verkehr zu ziehen. Das Patent eines seiner Schüler, das die Photovoaltik revolutionieren könnte und das sich Bird zu eigen macht, eröffnet ihm die Chance auf neuen Ruhm. Die (ökologische) Zukunft der Welt ist ihm dabei egal: "Sowie die Investoren angebissen hatten, die Gelder flossen und die Steuervergünstigungen geregelt waren, konnte mit dem Bau eines maßstabsgetreu vergrößerten Prototypen begonnen werden." Bis zum unvermeidlichen Ende möchte man den halsstarrigen Bird am liebsten rütteln und schütteln, einmal bei der Wahrheit zu bleiben und einen der sich immer wieder bietenden Auswege zu wählen ...

Autor Ian McEwan erschließt den Lesern Stück für Stück das Innenleben eines erfolgsverwöhnten Menschen, der unfähig ist zu realistischer Reflexion, Empathie und wirklicher Liebe. Gleichzeitig sensiblisiert er für den Klimawandel. Vorzüglich geschrieben. Witzig, berührend und eindringlich. Ein hervorragender Roman!

"Solar" von Ian McEwan, Diogenes Verlag, 405 Seiten.

tg