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Wahrheit und Würde – Oder: Der Armutsbericht

Neulich in der Fußgängerpassage: Ein Bettler. Sah aus wie der Weihnachtsmann, Bart und große Augen. Nur, die Kleidung war nicht rot, sondern grau wie der Bart und zerrissen. Der Mann saß an eine Wand gelehnt, neben sich ein Schild, mit dem Hinweis, er sei obdachlos, mit der Bitte um eine Spende. Ich kam gerade vom Geldautomaten, duckte mich und setzte meinen Weg mit schlechtem Gewissen fort ...

Nachdem ich überlegt hatte, ob ich es mir gönnen sollte, es mir leisten konnte – ich hatte mir vorgenommen zu sparen –, kaufte ich mir im Bioladen ein Stück Kuchen. Für 2 Euro. Ein Stück wohlschmeckender Luxus. Mir fiel der Obdachlose wieder ein, hätte ich stattdessen nicht lieber ihm etwas Geld geben sollen? Also ging ich zurück, beugte die Knie und legte ihm 2 Euro in den verblichenen Plastikbecher, den er in der Hand hielt. Ein strahlendes Lächeln war der Dank, er wünschte mir freundlich einen schönen Tag. Kommen Sie gut durch den Winter, erwiderte ich. Als wir uns in die Augen sahen, geschah ein kleines Wunder: Wir teilten einen stillen Moment voller Glück und gegenseitiger Achtung. Glück, das mich noch bis zum späten Abend erfüllte, mich reich beschenkte!

Der "Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung" ist offensichtlich von den Regierenden geschönt worden, von "Manipulation" ist gar die Rede. Die Wahrheit ist: Das Vermögen in Deutschland (und nicht nur hier) ist ungleich verteilt, die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt weiter zu. Und mit ihr Existenzängste. Alte, Kinder, Kranke, Arbeitslose leben an der Armutsgrenze. Niedriglöhne, Leih- und Zeitarbeit, Ein-Euro-Jobs, unbezahlte Praktika – Arbeit ernährt längst nicht mehr jeden. Wie müssen sich diese Menschen fühlen, wenn sich die Regierenden wegducken, anstatt hinzusehen? Wenn auf die gute Wirtschaftsentwicklung hingewiesen und dabei verschleiert und vergessen wird, wer die Zeche dafür bezahlt? Wegschauen und Schönfärberei bedeutet die Wahrheit ignorieren. Zugegeben, es ist unbequem, die Wahrheit auszusprechen, Fehler und Fehlentwicklungen einzusehen, jeder kennt das. Doch, welch große Chance ist (mal wieder) vertan worden.

Wie wäre das: Den "Verlierern" der Gesellschaft die (bereits bekannte) Wahrheit zugestehen, Ungerechtigkeiten und bedrückende Lebensumstände ehrlich beim Namen nennen, den Menschen damit Respekt zollen und ihnen Würde (zurück)geben. Und im nächsten Schritt nicht nur darüber reden, vor der Wahl, sondern wirklich Verbesserungen angehen, auch nach der Wahl. Mithilfe neuer Perspektiven, die alle und vieles einbeziehen. Mit Visionen, die über industrielles Wachstum, Gewinnmaximierung, über Spekulation, Dax und Boni hinausgehen, Visionen, die das Wohl aller Menschen zum Ziel haben, Ressourcen gerechter verteilen, Existenzangst in (Selbst-)Achtung und Kreativität verwandeln. Nicht nur in Deutschland, überall auf der Welt. Natürlich braucht das Zeit, braucht Mut und Bewusstseinsentwicklung. Und ist vielleicht eine Utopie. Doch manch kleiner Schritt kann eine Kluft überwinden und zu einem großen Geschenk werden, das Saatkorn für Veränderung, Glück und gegenseitige Wertschätzung sein.

tg