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Innehalten und Entwicklung – Oder: Stillstand und Rückschritt

Gut, ich hatte mir vorgenommen, alles in Ruhe zu erledigen. Mich nicht abzuhetzen. Mich nicht hetzen zu lassen. Dann hing ein urbaner Großwildjäger mit seiner PS-starken Geländelimousine an der Stoßstange meines Kleinwagens, obwohl ich mich innerorts bereits zu 60 Stundenkilometern nötigen ließ ...

Das Einparken wurde zur schweißtreibenden Nervenprobe: enge Straße, eigentlich Tempo 30, hinter mir und von vorne kommend Autofahrer, die weder Zeit noch Geduld noch Empathie mitbrachten und auf ihre Vorfahrt pochten. Um es kurz zu machen: Nachdem ich mehrfaches Hupen, haarscharfe Überholmanöver und das Widerwillen und Unverständnis ausdrückende Kopfschütteln eines Fußgängers, der zehn Sekunden warten musste, über mich hatte ergehen lassen, konnte ich den Motor ausstellen und tief durchatmen. In der Stadt ein ähnliches Bild. Alle, (fast) alle, hetzten durch die Läden, die Ellenbogen ausgefahren. Die wartende Schlange an der Kasse stand unter Strom. Mittlerweile war meine Gelassenheit dahin.

Die technische Entwicklung schreitet in rasantem Tempo voran. Wirtschaftlicher Erfolg wird an jährlichen Steigerungsraten gemessen, an Geld und Zahlen. Höher, schneller, weiter – häufig ohne Rücksicht auf Verluste. Wo es (wenige) Sieger gibt, gibt es (viele) Verlierer. Wer im Job überleben will, muss sich ranhalten. Nun soll das nicht prinzipiell verurteilt werden, ein differenzierter Blick würde Vor- und Nachteile erkennen. Aber, wenn wir das Leistungsprinzip und die Maßstäbe der Wirtschaft eins zu eins auf unser Privatleben übertragen, hetzen wir nach Feierabend vom Einkauf zum Fitness-Studio, zum Workshop, zur Party ... Wann wollen wir uns dabei wirklich fühlen? Wo bleibt Zeit für rücksichtsvolle zwischenmenschliche Begegnungen? Was wird mit denen, die das Tempo nicht (mehr) mithalten können oder wollen?

Innere Tiefe braucht (Selbst-)Reflexion, Bewusstsein, Respekt, Verständnis, Liebe. Und Geduld. Mit sich und anderen. Dazu ist es nötig, auch einmal innezuhalten. Sonst ist Erkenntnis und innere Entwicklung kaum möglich. Innere Entwicklung wirkt sich auch auf unser Handeln aus. Und so ist (innere) Entwicklung, die auf Tiefe und Innehalten basiert, paradoxerweise der Motor für Fortschritt im außen.

Allein ein Dankeschön, ein anerkennendes Wort zu einer gestressten Verkäuferin, kann zu einem kurzen persönlichen Gespräch führen, zu einem "Zeitloch", in dem ein "miteinander in Resonz gehen" ermöglicht wird. Ein Moment, in dem wir ein wenig mehr über uns und den anderen erfahren. Der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert – mit dem wir dann (im Rückspiegel) dem Hintermann signalisieren, dass wir seine Eile verstehen, uns aber trotzdem nicht hetzen lassen.

tg