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Ego – Oder: Jackpot

Ich hab’s einfach mal versucht. Da kam mir auf dem Weg in die Stadt dieses Schild entgegen – Jackpot: 21 Millionen. Schon stand ich im Laden, von einer intuitiven Macht geleitet, vom Ego wohl auch, von Gier womöglich, schloss die Augen, fühlte nach innen und machte meine Kreuzchen ...

Die Chancen standen schlecht. Links eine 1, dahinter ein Doppelpunkt, dahinter eine lange Zahl. Die 1 stand für den Jackpot, die lange Zahl für Niete. Nun denn, es ist ja nur ein Spiel.

Im Laufe des Tages begann ich zu fantasieren. Was würde ich mit 21 Millionen Euro anstellen? Vor allem die Aussicht, nie mehr arbeiten zu müssen, gefiel mir. Mit einem Freund sprach ich über das Thema. Rücksichtslos erinnerte er mich an eine Diskussion, die wir kürzlich geführt hatten, und bei der ich die sich vergrößernde Kluft zwischen Arm und Reich, den wachsenden Egoismus schlechthin, kritisiert hatte. "Du wirst also einer von den Reichen, wenn es klappt", gab er zu bedenken, "einer von denen, die die Kluft vergrößern".

So hatte ich es noch nicht betrachtet und kam ins Grübeln, horchte nach innen, beobachtete Gedanken und Gefühle, die 21 Millionen vor Augen. Entdeckte entsetzt einen Kleingeist – nennen Sie ihn von mir aus Ego –, der einfach alles behalten wollte, der das Haus mit einer Alarmanlage versah, um Neider und Diebe abzuhalten. Zu meiner Ehrenrettung gab es auch Stimmen, die bereit waren, zu teilen, Sinnvolles zu stiften – eine ethische, innere Instanz, die sich, wenn auch noch recht schwach, wehrte.

Es war also gut zu beobachten, wie schnell egoistische Reflexe anspringen. Und dass es einer bewussten Auseinandersetzung bedarf, diesen Reflexen nicht blind zu folgen. Geld verdirbt nicht unbedingt den Charakter, tröstete ich mich. Aber es stellt ihn schon auf die Probe.

Mit gemischten Gefühlen verfolgte ich die Ziehung der Lottozahlen. Ich hatte "einen Richtigen". Dafür gab’s nicht mal 21 Cent. Meine Enttäuschung hielt sich in Grenzen. Mein Ego schwieg beleidigt. Arbeite ich eben weiter, versuche ich halt weiter, über die Runden zu kommen. Damit bin ich vertraut.

Lotto werde ich nie wieder spielen. Vorerst. Gut, irgendwann probier ich es noch einmal. Nur um mein Ego erneut auf die Probe zu stellen. Und wer weiß – vielleicht klappt es dann mit dem Jackpot!

tg